Daseinsqual und Himmelssehnsucht

Lieder und Gedichte im Barock

HP-Plakat-Barock

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Ursulinenkirche
v.l.n.r. Stephan Obermeier (Orgel), Bettina Thurner (Mezzosopran),
Lutz und Martha Schauerhammer (Rezitationen)




Die Klosterkirche der Ursulinen in Straubing
Altar der Asam-Kirche der Ursulinen in Straubing
(Altar der Asam-Kirche der Ursulinen in Straubing)

Es gibt wohl kaum einen Raum der passender wäre, um die Lyrik des Barock vorzustellen, als diese wunderschöne Klosterkirche der Ursulinen in Straubing, die in den Jahren 1736 bis 1741 entstand.

Ihre kunstvolle Ausgestaltung war das letzte gemeinsame Werk der Brüder Egid Quirin und Cosmas Damian Asam. Die damalige Leiterin des Ursulinenklosters beauftragte das Werk und nahm im Gegenzug die beiden Töchter von Cosmas Damian Asam in die Schule des Mädcheninternates auf; die jüngere trat schließlich in das Kloster ein.

Die Ursulinen kümmerten sich nach dem Dreißigjährigen Krieg um die Erziehung von Mädchen und halfen jungen Frauen. Für die Knaben und männlichen Schüler gab es ja bereits genug Einrichtungen der Jesuiten, Kapuziner und Franziskaner.

Die heilige Ursula
Die heilige Ursula, auf deren Wirken sich der Orden gründet, lebte in Köln am Rhein. Sie starb als Märtyrerin gemeinsam mit ihren Begleiterinnen nach einer Pilgerfahrt aus Rom kommend. Auf dem Rückweg nach Köln, den sie von Basel aus mit dem Schiff antrat, hatte sie in Mainz Station gemacht, um ihren zukünftigen Ehemann, den Sohn eines Normanischen Herrschers, der von Papst Cyriacus getauft worden war, an Bord zu nehmen.
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(Die heilige Ursula nimmt ihren Ehemann in Mainz an Bord)

Nach der dreijährigen Abwesenheit von Köln war die Stadt aber von heidnischen Hunnen besetzt, die bei Ihrer Ankunft über die rückkehrenden Pilgerinnen herfielen und alle ermordeten. Der Legende nach starben 11.000 der Begleiterinnen. Im Wappen der Stadt Köln steht symbolisch eine Träne für 1.000 Opfer.
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(Die Ermordung der Pilgerinnen; rechts das Stadtwappen Kölns mit den 11 Tränen)

Schnell in die Erde gebracht blieb das Grab der Ursula Jahrhunderte unbekannt, bis sich folgendes Ereignis zutrug. Man fand nämlich im 12. Jahrhundert in der Nähe der romanischen Kirche St. Ursula zu Köln eine Gräberstätte, von der man annahm, es sei die der hl. Ursula und ihrer Gefährten. Wie diese Stelle entdeckt wurde, davon erzählt uns ein Gedicht, dass auf dem Allerseelenaltar der Kirche, in einer Übersetzung aus dem 17. Jahrhundert, entdeckt wurde.

Gedicht zur Auffindungslegende der Reliquie der heiligen Ursula

Ein ander wunderbar Geschicht
folgt, so wahrhaft und nicht erdicht,
Damit allhier auf dieser Erd‘
Gottes Allmacht offenbaret werd.
Da keiner wist auf welchem Plan,
wo Ursula ihr Grab möchte han,
Hat Gott durch eine Taub schneeweiß
die Begräbniß gezeigt mit Fleiß,
auf dies Miraculöß gestalt,
wie der Ausgang erwiesen bald.
Als der Bischoff St. Cunibert
Gott mit der Heilger Meß verehrt,
Am Ort, da der Jungfraun Gebein
in steter Ruh begraben sein,
Neben dem Geist- und weltlich Hauf
so dem Gottesdienst wart eifrig auf,
Kombt ein schnell fliegend Bot behent,
welcher die wahre Kundschaft brengt:
Ein weisse Taub fleucht ab, fleucht an,
setzt sich bald auf den Heilgen Mann,
Und treibt dies Vorspiel ungefehr
drei Stunden, fliegent hin und her.
Inmittelst da die umbsteent Schar
deren zumal ansichtig war,
Versteckt sie sich ins Grab hinein.
Da ruhten Ursulä Gebein,
Verhielt sich da ganz zweifelhaft,
doch man die Sorg bald abgeschafft,
Und nach des weisen Bischoffs Rath
Das Grab in eil eröffnet hat
Und aus diesem Irdischen Haus
ein Himmelsschatz gezogen aus,
Da dann die Aufschrift deutet an
er heiligen Jungfrauen Nam.
Mein Gott! Was lob, was Preis, was Dank
sagt dir geistlich und weltlich Stand?
In Eil ward da ein Werk gemacht
Von Gold, Silber, mit großer Pracht,
Darin der Martere Gebein
In Ruh und Fried begraben sein.

Der Dreißigjährige Krieg
Der Dreißigjährige Krieg war auch ein schwerer Schlag für die Menschen in Straubing. 1633 gerieten sie unter schwedische Besatzung. Die Auswirkungen waren verheerend, denn in den folgenden Jahren starben an der Pest 18.000 Menschen, die in Straubing wohnten oder Zuflucht suchten. Erst Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich die Stadt davon erholt, obwohl die Region nicht zur Ruhe kam, denn zwischen 1740 und 1743 wurde Straubing im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges mehrfach von österreichischen Truppen belagert und besetzt.

Die Legende von Christoph Christ
In Straubing, dem ehemaligen Zentrum der Reformation in Niederbayern, wehrt sich die katholische Landbevölkerung gegen die protestantischen Schweden. Mit einem kleinen Trupp macht sich Christoph Christi aus dem nahegelegenen Landau an der Isar auf, die 340 Straubinger Krieger zu entsetzen.
Wieder und wieder rennen die Schweden gegen die Stadt an. Für den tapferen Sattler wird's brenzlig – sehr brenzlig. Als er das Weiße in den Augen der Schweden sieht, "verlobt er sich Maria". Da ist ihm, als schwebe die Patrona Bavariae auf einem Schild über ihm. - Die Schweden lassen von ihm ab.

Andreas Gryphius
Tränen des Vaterlandes, anno 1636


Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret.
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun
Hat allen Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun,
Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot:
Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.

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(Straubing zur Zeit des 30 Jährigen Kriegs)

Barocke Dichtung
Der brennenden Not Deutschlands entsprang der ebenso brennende Wille, zu gestalten. Barocker Stil ist Drang und Fülle. Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, blutiger Kometen, maßloser Verschwendung und Verelendung. Daseinslust und Daseinsqual entspringt der gleichen Gewissheit, dass dem Leben erst im Jenseits ein Sinn wird.
Die Barocke Dichtung beeindruckt durch die Gewalt seines Wortes, seine dunkle und lichte Herrlichkeit, die Trostkraft, mit der der Mensch sich gegen sich selbst schützt. Und sie spiegelt die verwegene Kunstfertigkeit, mit der der Dichter über einer düsteren Welt sein Spiel spielt.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau
Die Welt


Was ist die Lust der Welt? Nichts als ein Fastnachtsspiel,
So lange Zeit gehofft, in kurzer Zeit verschwindet,
Da unsre Masken und nicht haften, wie man will,
Und da der Anschlag nicht den Ausschlag recht empfindet.
Es gehet uns wie dem, der Feuerwerke macht,
Ein Augenblick verzehrt oft eines Jahres Sorgen;
Man schaut, wie unser Fleiß von Kindern wird verlacht,
Der Abend tadelt oft den Mittag und den Morgen.
Wir fluchen oft auf dies, was gestern war getan,
Und was man heute küsst, muß morgen ekel heißen,
Die Reimen, die ich itzt geduldig lesen kann,
Die wird ich wohl vielleicht zur Morgenzeit zerreißen.
Wir kennen uns und dies, was unser ist, oft nicht,
Wir treten unsern Kuß oft selbst mit steifen Füßen,
Man merkt, wie unser Wunsch ihm selber widerspricht,
Und wie wir Lust und Zeit als Sklaven dienen müssen.
Was ist denn diese Lust und ihre Macht und Pracht?
Ein großer Wunderball, mit leichtem Wind erfüllet.
Wohl diesem, der sich nur dem Himmel dienstbar macht,
Weil aus dem Erdenkloß nichts als Verwirrung quillet.

Die Dichter
Der Mensch in Lust und Leid, in Ausgelassenheit, in der Gewalt und im Mittelpunkt der Natur, der dem Schöpfer dankt und der das Jenseits ersehnt, steht bei den Dichtern im Barock plötzlich im Mittelpunkt der Betrachtung; der Mensch in seinen persönlichen Leben und Schicksal.
Direkt und ehrlich wird gesprochen, nicht philosophiert. Alles ist real, natürlich. Die aufsteigende Angst, die verführerische Lust, die innige Liebe, der grausame Tod.
Es gibt kein Tabu.

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