Ein Brotgelehrter ist kein Bäcker

Diese Tatsache ist recht hilfreich, wenn man versucht zu verstehen, was Poesie wesentlich ausmacht. Bei zusammengesetzten Worten spezifiziert im Deutschen das vorangestellte Bestimmungswort das nachfolgende Grundwort. Eine Hundehütte, ist also eine Hütte für Hunde, ein Mathematiklehrer ist ein Lehrer für Mathematik, ein Brotgelehrter ist ein Gelehrter für Backwaren, insbesondere Brot – müsste man eigentlich denken, man tut es aber nicht. Da offensichtlich nicht das gemeint ist, was die normale sprachliche Regel erwarten lässt, beginnt unser Geist zu spielen und trägt die beiden Begriffe „anderswo hin“, er bildet eine Metapher und stellt dabei die Begriffe „Brot“ und „Gelehrter“ in einen völlig neuen, logisch nicht exakt begründbaren Zusammenhang. Der Gelehrte ist nun plötzlich nicht jemand, der die Kenntnis des Brotbackens hat, sondern jemand, der seine Kenntnis zum Broterwerb nutzt, und es ist im Grunde nebensächlich, was das für eine Kenntnis ist – zufällig könnte es sogar das Wissen über Brot backen sein.

Friedrich Schiller stellt dieser Metapher des Brotgelehrten den „philosophischen Kopf“ gegenüber, ebenfalls eine Metapher, denn der sichtbare „Kopf“ steht als Bild für den unsichtbaren Charakter eines Menschentypus, der sein Wissenssystem immer wieder unbefriedigt einreißt, um „zu immer neuen und schöneren Gedankenformen zu schreiten“, wie Schiller ausführt.

Wenn wir erwachsen werden, lernen wir, in logischen Begriffen zu denken, was sehr sinnvoll ist, um unser Wissen zu ordnen und replizierbar parat zu halten. Es ist jedoch nicht das logische Schlussfolgern, sondern das Denken in Metaphern, mit dem wir wirklich Neues erkennen, benennen und uns aneignen. Dieses metaphorische Denken und synthetische Erkennen ist immer mit Gefühlen verbunden und niemals so nüchtern wie das logische Schließen. Und es geschieht im Großen und Ganzen unbewusst, was nicht immer zu unserem Vorteil sein muss. Der menschliche Geist hat nämlich einen immer wachsamen Dämon im Ausguck, der das logische Ruderwerk in Gang setzt, um in sichere Gewässer zu gelangen, lange bevor peinliche oder unangenehme Dinge überhaupt fragwürdig werden können. Damit werden unmerklich Situationen vermieden, welche uns veranlassen könnten, die ach so geliebten Gewohnheiten zu ändern oder unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen. Den „philosophischen Kopf“ hingegen lockt dieser Dämon genau in die unsicheren Gewässer, welche ihm bisher unbekannte Inseln und Schätze zu offenbaren versprechen.

Hans Blumenberg hat seit 1957 die Bedeutung der Metaphorik für die Begriffsbildung in der Philosophie untersucht und schon vor ihm hat Kurt Riezler in einem 1936 veröffentlichten Aufsatz die Bedeutung der Metapher in der Philosophie anhand der Werke von Platon aufgezeigt. Darauf aufbauend sieht Bernhard H.F. Taureck sogar die Notwendigkeit, eine „kritische Ikonologie der Philosophie“ auf der Basis der Metaphorik zu erstellen. Das Interessante daran ist, dass gerade die Philosophie, welche als Wissenschaft so streng auf die Begründung durch logische Begriffe Wert legt, die Bedeutung der Metapher für das Denken erkannt hat und sich bemüht, dieses Thema zu erfassen, welches scheinbar allein ins Reich der Poesie gehört und von der Philosophie gemieden wurde, weil Metaphern angeblich die reinen Begriffe trüben und verwirren. Ist die Angst der Philosophen davor, dass Metaphern die Begriffe trüben, gerechtfertigt? Ich denke nein, denn sie trüben nur dann, wenn es sich um falsche oder schlechte Metaphern handelt. Begriffe bieten ja auch keine Sicherheit vor solchen „Trübungen“, denn oft sind diese unklar, verworren oder sogar falsch.

Wenn die Metapher für die Philosophie von Bedeutung ist, wie viel wichtiger ist sie für die Poesie! Zwar reicht die Metapher allein nicht aus, um einen Text zu einem Werk der Poesie zu machen, sonst wären ja alle Politiker, die von „Friedeseinsätzen“ oder „Rettungsfonds“ reden, Poeten. Es handelt sich hierbei jedoch um schlechte, völlig unpoetische Metaphern, die zum Zweck der Lüge und Verdummung eingesetzt werden. Die gute Metapher hingegen ist ein ganz wesentliches Kriterium, wahrscheinlich sogar sagen DAS Kriterium, der Poesie. Der wahre Poet verwendet Metaphern nämlich, um das Unsagbare zu sagen, um etwas Neues, etwas hinter dem Erfahrungshorizont Liegendes, anzudeuten und zu benennen. Deswegen muss die Metapher des Poeten wahrhaftig sein, und vor allem muss es sich um eine wirklich Metapher handeln und nicht nur um ein Symbol oder Gleichnis.

Was unterscheidet nun die Metapher vom Symbol und vom Gleichnis oder von der Analogie? Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Metapher eine neue Synthese schafft und deshalb nicht auflösbar ist. Sie ist viel mehr als nur ein neues Bild oder ein erklärender Vergleich, sondern sie verbindet verschiedene Erfahrungen und Bilder auf eine solche Weise, dass ein Unerfahrbares, Transzendentes, und somit eine Gestalt, eine neue Idee vermittelt wird. Ähnlich wie beim Fremdwort – wir empfinden z.B. Frisör heute nicht mehr als Fremdwort – wird im Lauf der Zeit diese neue „Idee“ dann so bekannt, dass die Metapher gar nicht mehr gesehen wird. Das gilt zum Beispiel auch für das Wort „Idee“ selbst.

Platon benutzte das damalige Wort „anschauen“ (idéa) metaphorisch, um das auszudrücken, was gerade nicht direkt geschaut werden kann, sondern vielmehr hinter den verschiedenen sichtbaren Ausführungen (z.B. eines Bettgestells, welches der Handwerker baut) gleich bleibt und somit als nicht direkt sichtbare Gestalt das Gestalten (z.B. des Handwerkers) lenkt. Heute ist die einst metaphorische „idéa“ zu dem Begriff „Idee“ geworden, den wir so sicher besitzen, dass wir seine metaphorische Herkunft gar nicht mehr spüren.

Die wahre Poesie macht durch diesen metaphorischen Prozess das Unsagbare sagbar, aber natürlich nur dann, wenn es sich um wirklich Unsagbares handelt und nicht nur ein Gleichnis, welches bloß etwas auf neue Weise beschreibt oder gar mystifiziert.

Um diesen Punkt zu verdeutlichen, möchte ich Hannah Arendt (aus „Denken ohne Geländer / Texte und Briefe“) zitieren. Sie schreibt: „Der Entdecker dieses ursprünglich dichterischen Mittels [der Metapher] war Homer, dessen zwei Gedichte [Ilias und Odyssee] voll von allen möglichen metaphorischen Ausdrücken sind. Ich wähle… die Stelle aus der Ilias, wo der Dichter die herzzerreißende Wirkung von Angst und Kummer auf die Menschen mit dem gleichzeitigen Angriff von Winden aus verschiedenen Richtungen auf das Wasser des Meeres vergleicht. Denk dir diese Stürme, die du gut kennst, so scheint der Dichter zu sagen, und du weißt etwas von Kummer und Angst. Bezeichnenderweise gilt die Umkehrung nicht. Wie lange auch jemand an Kummer und Angst denken mag, er erfährt nie etwas über die Winde und das Meer.“

Und dann erklärt Hannah Arendt, dass es genau diese „Nichtumkehrbarkeit“ ist, welche die wirkliche Metapher von „jenem mathematischen Symbol“ unterscheidet, welches Aristoteles fälschlicherweise als Metapher definiert. Sie schreibt: „Eine Metapher kann noch so gut eine ‚vollkommene Ähnlichkeit’ der Beziehung zwischen zwei ‚ganz unähnlichen Dingen’ getroffen haben, so dass sie, da A offensichtlich nicht dasselbe ist wie C und B nicht dasselbe wie D, anscheinend durch die Formel B:A = D:C vollkommen ausgedrückt wird – doch diese Aristotelische Gleichung ist umkehrbar: Wenn B:A = D:C, so folgt C:D = A:B. Bei der mathematischen Formulierung geht die eigentliche Funktion der Metapher verloren, nämlich dass sie den Geist auf die Sinnenwelt zurücklenkt, um die nichtsinnlichen Erfahrungen des Geistes zu erhellen, für die es in keiner Sprache Worte gibt.“

Auf der Grundlagen dieser Erklärung Hannah Ahrendts erkennt man, dass der Unterschied von Metapher und Symbol (welches Aristoteles fälschlich „Metapher“ nannte) darin liegt, dass dem Symbol die synthetische Kraft des schöpferischen fehlt, welche eine wirkliche Metapher auszeichnet. Deshalb lässt sich eine wirkliche Metapher auch nie logisch auflösen und erklären, sondern sie führt beim Erklärungsversuch immer wieder zu neuen Metaphern. Gleichnis und Symbol lassen sich hingegen erklären, da sie genau in der von Aristoteles beschriebenen Weise logisch ersetzbar sind.

Ganz schlecht ist es, wenn das Symbol sogar nur dazu verwendet wird, um zu verwirren, zu interessieren oder zu verschleiern. Dann handelt es sich streng genommen nicht um Poesie, jedenfalls nicht um gute Poesie. Gute Poesie ist hingegen gerade an der Wahrhaftigkeit ihrer Metaphern zu erkennen.

Natürlich ist die Metapher nicht alles, was zur Poesie gehört, die sprachlichen Mittel und Formen müssen hinzukommen. Wer jedoch einmal dem metaphorischen Geist auf die Spur gekommen ist, der wird diese Qualität nicht mehr missen wollen. Und wenn die Metapher fehlt oder falsch ist, wird ihm selbst der mit höchster Eloquenz geformte Text nur wie das Klappern mit Töpfen klingen, aus denen nie eine rechte Mahlzeit kommt. Er wird auch die Poesie nicht in den Worten suchen, welche nur richtig „auszuloten“ sind, denn Worte sind sperrig und spannend, und es erfordert für den Dichter eine Anstrengung, wenn er sie zur Metapher fügt.

Dieser Text will zur tieferen Beschäftigung mit der Metapher anregen. Vielleicht verspürt der eine oder der andere Leser Lust, den gesamten Aufsatz von Hannah Arendt zu lesen, den ich zitiert habe, vielleicht führt ihn das dann zu Kurt Riezlers „Das Homerische Gleichnis und der Anfang der Philosophie“ [Die Antike Zeitschrift für Kunst des klassischen Altertums, Band 12, 1936, Seiten 253-271. Veröffentlicht in „Um die Begriffswelt der Vorsokratiker“ Herausgeber Hans-Georg Gadamer, 1968.], worin er erfahren kann, wie Homer und Shakespeare Metaphern einsetzten, um Entwicklungsmöglichkeiten des Kunstwerks im Kopf des Hörers anzudeuten. Interessant ist auch der Artikel „The Chinese Written Charakter as a Medium for Poetry“ von Ernest Fenollosa, der von Ezra Pound veröffentlicht wurde, weil man darin einen Eindruck erhält, wie sich metaphorische Ausdrücke aus Bilderfolgen entwickeln können, und vieles mehr…

Die ganz wesentliche Frage, was eine wahre und gute Metapher von einer falschen oder schlechten Metapher unterscheidet, bin ich noch gar nicht eingegangen, weil dazu sehr viel mehr Worte nötig sind, als dieser Appetitanreger vertragen hätte. Aber jeder, der die Bedeutung der Metapher für die Poesie erkannt hat, wird diese Frage untersuchen wollen.

Völlig missverstanden würde dieser Text, wenn nun jemand meint, er müsse nun mit dem Metapher-Rasenmäher die schönen Gänseblümchen und kleinen Wortspielereien aus dem Garten der Poesie ausmerzen. Der Zaubergarten der Poesie ist kein geschenktes Paradies, er wurde seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Poeten kultiviert und gepflegt. Er ist vielfältig und reich an immer neuen Blumen und natürlich ziehen sich durch ihn auch die Trampelpfade der Brotgelehrten, aber es wird immer genügend philosophische Köpfe geben, die ihn mit immer neuen und schöneren Gedankenformen bereichern werden.

Ralf Schauerhammer 27.08.2014