Warum ist die Geschichte ein erhabener Gegenstand?

von Ralf Schauerhammer

I.

Friedrich Schiller unterstreicht in seinem Aufsatz Über das Erhabene die Bedeutung des menschlichen freien Willens und dessen Verhältnis zur Vernunft: „Der Wille ist der Geschlechtscharakter des Menschen, und die Vernunft selbst ist nur die ewige Regel desselben.“ Willensfreiheit bedeutet nicht, daß der Mensch tun und lassen kann, was er will. Der Mensch ist den Naturgewalten ausgesetzt, und selbst wenn er durch Technologie seine Macht über die Natur steigert, so kann er doch nicht über alles Herr werden. Er wird zum Beispiel niemals Herr über den Tod werden. Der Mensch muß sterben, obwohl der leben will.

Aber was bedeutet Willensfreiheit in dem Fall, in dem der Mensch seinen Willen nicht durchsetzen kann? In diesem Fall, so Schillers Antwort, muß der Mensch für sich selbst den „Begriff der Gewalt vernichten“. Wie ist das möglich? „Eine Gewalt dem Begriffe nach vernichten“, sagt Schiller, „heißt aber nichts anders, als sich derselben freiwillig unterwerfen.“ Der Mensch kann sich einer Gewalt (z.B. einem Schicksalsschlag) freiwillig unterwerfen; dazu ist jedoch eine „durch Kultur veredelte Sinnesart“ nötig, welche zum Beispiel die „Religion unter den Begriff der Ergebung in den göttlichen Ratschluß lehrt“, sagt Schiller in Über das Erhabene. Er hatte dabei sicherlich die siebte Szene des fünften Aktes aus Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise vor Augen. Darin beschreibt Nathan dem Klosterbruder, der ihm vor 18 Jahren seine Pflegetochter Recha gebracht hatte, was seinerzeit geschehen war, und was der Klosterbruder damals nicht wissen konnte:

Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage
Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt
Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau
Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
Befunden, die in meines Bruders Hause,
Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
Verbrennen müssen. – – – Als
Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch'
Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. –
Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht;
Der Christenheit den unversöhnlichsten
Haß zugeschworen –

Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.
Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott!
Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan!
Komm! übe, was du längst begriffen hast,
Was sicherlich zu üben schwerer nicht,
Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
Steh auf!" – Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
Willst du nur, daß ich will! – Indem stiegt Ihr
Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind,
In Euern Mantel eingehüllt. – Was Ihr
Mir damals sagtet; was ich Euch: hab' ich
Vergessen. Soviel weiß ich nur; ich nahm
Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf
Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
Doch nun schon Eines wieder!



Die „Stimme der Vernunft“ sagt, es war „Gottes Ratschluß“ – „ich will“! Nathans Gesinnung und Handlung ist erhaben. Hätte Nathan nicht willentlich sein Schicksal als Gottes Ratschluß angenommen, so hätte er niemals all die Liebe, die er seinen Kindern nun nicht mehr erweisen konnte, der neu geschenkten Tochter entgegenbringen können. Wer weiß wohin ihn die Rache getrieben hätte? Hatte er doch der gesamten Christenheit seinen unversöhnlichen Haß geschworen und das in seine Hände gegebene Mädchen schien eine Christin zu sein! Es macht also einen großen Unterschied für einen selbst, für andere und die Welt insgesamt, ob man sich einer Gewalt freiwillig unterwerfen kann (und seine Willensfreiheit rettet), oder ob man dazu nicht in der Lage ist (und an seine „natürlichen Triebe“ gefesselt bleibt).

Es ist jedoch nicht selbstverständlich, daß der Mensch erhaben handelt. Schiller schätzt die Sache recht realistisch ein und sagt, es sei dazu „eine größere Klarheit des Denkens und eine höhere Energie des Willens (nötig), als dem Menschen im handelnden Leben eigen zu sein pflegt.“ Es gibt aber „glücklicher Weise“ in der menschlichen Natur „eine ästhetische Tendenz,... welche durch gewisse, sinnliche Gegenstände geweckt und durch Läuterung seiner Gefühle zu diesem idealistischen Schwung des Gemüts kultiviert werden kann.“ Und von dieser ästhetischen Tendenz handelt sein Aufsatz Über das Erhabene, in dem er an einer Reihe von Beispielen zeigt, wie diese ästhetische Tendenz den Menschen frei machen kann von einer an die Sinnenwelt gefesselten Geisteshaltung und zur Vernunftfreiheit leitet. Als eines dieser Beispiele für das Erhabene dient Schiller die Geschichte.

II.

Um verstehen zu können, was Schiller über die im Menschen als Anlage vorhandene ästhetische Tendenz zum Erhabenen sagt, muß man sich klar machen, warum die Vernunft nur die „ewige Regel“ des menschlichen freien Willens ist und warum das angeführte Beispiel aus Lessings Nathan nichts mit stoischer Passivität zu tun hat, sondern im Gegenteil eine „hohe Energie des Willens“ voraussetzt.

Wenn man Schillers Worte zum erstenmal liest, fragt man sich: Ist es nicht ein Paradox, wenn ich wollen soll, was ich ohnehin muß? Um diesen scheinbaren Widerspruch zu lösen, muß man sich überlegen, wann das der Fall ist und wo die Grenze der menschlichen Willensfreiheit liegt. Nicht jeder Wille kann erfüllt werden. Wenn jemand zum Beispiel einen viereckigen Kreis zeichnen möchte, dann wird er, selbst wenn er der allmächtige Gott wäre, seinen Willen nicht verwirklichen können. Die Eigenschaft „viereckig“ ist mit der Idee des Kreises nicht vereinbar. Der Begriff ist in sich widersprüchlich, so etwas kann es unmöglich geben. Das logisch Unmögliche ist die Grenze der Willensfreiheit, aber der menschliche Wille reicht mit seiner schöpferischen Freiheit bis an diese Grenze heran, ja er durchbricht sie bisweilen. Der geniale Kopf kann ganze Kontinente aus dem Meer entstehen lassen und sogar Sterne am Firmament, wie es Edgar A. Poe in Heureka beschreibt.

Schiller verwendet für die Macht der schöpferischen Freiheit die Metapher des Christoph Kolumbus:

Kolumbus.

Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen
Und der Schiffer am Steu'r senken die lässige Hand.
Immer, immer nach West! Dort muß die Küste sich zeigen,
Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer!
Wär' sie noch nicht, sie stieg' jetzt aus den Fluten empor.
Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde;
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.




Schiller sagt nicht: „Das Genie kann die Natur entdecken.“ Er sagt: „Was der Genius verspricht, leistet die Natur gewiß!“ Der amerikanische Kontinent steigt für Kolumbus, der ihn entdecken will, aus dem Ozean hervor. Das ist nicht Science Fiction, das ist Realität! Natürlich nicht für Christoph Kolumbus als (wohlmöglich mit magischen Kräften ausgestattetes) Individuum, aber für die Kraft der schöpferischen Vernunft der Menschheit, welcher Schiller mit seiner Kolumbus-Metapher huldigt. Diese Bedeutung der schöpferischen Vernunft bringt bereits der junge Schiller in den Philosophischen Briefen zum Ausdruck. Was Schiller darin mit Bezug auf Kolumbus über den menschlichen Geist aussagt, wird in dem eben zitierten Gedicht poetisch verdichtet:

„Unsere reinsten Begriffe sind keineswegs Bilder der Dinge, sondern bloß ihre notwendig bestimmten und koexistierenden Zeichen. Weder Gott, noch die menschliche Seele, noch die Welt, sind das wirklich, was wir davon halten… [D]ie Kraft der Seele ist eigentümlich, notwendig, und immer sich selbst gleich; das Willkürliche der Materialien, woran sie sich äußert, ändert nichts an den ewigen Gesetzen, wonach sie sich äußert, solang das Zeichen dem Bezeichneten durchaus getreu bleibt. So wie die Denkkraft die Verhältnisse der Idiome entwickelt, müssen diese Verhältnisse in den Sachen auch wirklich vorhanden sein. Wahrheit ist also keine Eigenschaft der Idiome, sondern… die Übereinstimmung dieses Begriffs mit den Gesetzen der Denkkraft… Auf die Unfehlbarkeit seines Kalküls geht der Weltentdecker Kolumbus die bedenkliche Wette mit einem unbefahrenen Meere ein, die fehlende zweite Hälfte zu der bekannten Hemisphäre, die große Insel Atlantis zu suchen, welche die Lücke auf seiner geographischen Karte ausfüllen sollte.“ (Hervorhebung R.S.)

Nur wenn die Begriffe entsprechend den „Gesetzen der Denkkraft“ entwickelt werden und deshalb den Relationen der Dinge entsprechen, nur dann leistet die Natur, was der Genius verspricht. Wahrheit liegt nicht in der Übereinstimmung des Begriffs mit dem Gegenstand, sondern in Übereinstimmung „mit den Gesetzen der Denkkraft.“ Dem Verstand, der letztendlich an das Reich der Sinne gefesselt bleibt, muß das ein Rätsel bleiben, aber die schöpferische Vernunft, an deren ewigen Gesetzen die „Willkür“ der materiellen Erscheinungen nichts ändert, kann diese Harmonie erfassen und Ideen schaffen, welche zur Erweiterung oder Neugestaltung von Axiomensystemen führen. Mit diesen kann dann der Verstand operieren und so die allein durch den freien Willen des Genies nach den „ewigen Regeln“ der Vernunft hervorgebrachten Ideen logisch begreifbar machen. Die Wahrheit liegt nicht in den offensichtlich gültigen, einfachen Axiomen. Diese sind nur die ersten Knoten eines logischen Netzwerkes, mit dem der Verstand die Vernunftideen einfängt, deren Wahrheit die Vernunft nach ihren „unsinnlichen“ Regeln erzeugt.

Da unser Denken heute stark von der Metaphysik des Empirismus geprägt ist, wird die Bedeutung der Vernunftideen für die Wissenschaft oft nicht verstanden. Der Empirismus lehnt die Vernunft entweder ganz ab, oder unternimmt den Versuch, diese mit den für ihre Regeln blinden Werkzeugen des Verstandes zu erkennen, was dann selbstverständlich nicht gelingt.

Schon Johannes Kepler warnte Galileo Galilei in seinem Sternenherold vor einer zu empirischen Sichtweise und hob die Bedeutung von Platons „Denkverfahren“ hervor, welches schon „vor soviel Jahrhunderten aus Begriffen, die der Erfahrung vorhergehen“, das Wesentliche des modernen Weltbildes schuf. „Darum stehen die Denker, die die Ursachen der Dinge im Geiste empfangen, noch ehe sie sinnfällig werden, jenem ersten Baukünstler näher als die anderen, die über die Dinge erst nachzudenken beginnen, wenn sie diese mit Augen geschaut haben. So wirst Du also, Galilei, unseren Vorgängern ihren Ruhm nicht neiden." Kepler gab seinem Hauptwerk den Namen Weltharmonik, weil er darin zeigte, daß die Astrophysik (im Grunde die ganz Physik) auf einer grundlegenden Harmonie zwischen den Gesetzen der menschlichen Vernunft und den Gesetzen des erkennbaren Universums basiert.

Diese von Gottfried Wilhelm Leibniz weiterentwickelte Denktradition war zu Schillers Zeit so allgemein verbreitet, daß man sie später mit dem Begriff „Popularphilosopie“ belegte. Heute ist die Philosophie nicht so populär und mißachtet das Konzept der Vernunfterkenntnis, welches zum Verstehen Schillers unerläßlich ist.

Da diese Frage sehr wichtig ist, folgen einige erklärende Sätze. Leser, welche den Punkt verstanden haben, können bei Absatz IV weiterlesen.

III.

Was damit gemeint ist, daß die Wahrheit nicht in den Axiomen und den einfachen Begriffen zu finden ist, kann man sich anhand der Entwicklung des Zahlbegriffs verdeutlichen. Die Griechen kannten zum Beispiel noch keine Bruchzahlen, sondern nur die natürlichen Zahlen 1, 2, 3, 4, 5,… Genau genommen war für sie auch die „1“ keine Zahl, denn sie unterschieden die Einheit „1“ grundsätzlich von den Vielheiten „3“ oder „5“, welche durch wiederholtes Setzen der Einheit entstehen. Eine Zahl 3/5 ist in diesem konzeptionellen Rahmen nicht möglich und etwas ganz anderes als das Verhältnis 3 : 5, also das Verhältnis der Vielheit „3“ zur Vielheit „5“. Etwas wie „Wurzel 2“ ist als Verhältnis von Vielheiten überhaupt nicht zu fassen. Wenn wir heute wissen, daß 3/5 eine Bruchzahl ist, mit der man wie mit jeder anderen natürlichen Zahl rechen kann, dann rechnen wir mit ganz anderen Zahlen als die Griechen. Wir kennen die Sonderstellung der „1“ als Einheit nicht mehr und die Ziffer „5“ ist nur eine Kurzfassung für „5/1“ oder „15/3“. Die Erfindung der Bruchrechnung schuf nicht nur neue Zahlen, wie z.B. „3/5“, sondern sie ging mit einer grundlegenden Veränderung der Idee der Zahl einher. Das Entsprechende geschah dann nochmals mit der Einführung der reellen Zahlen, denn jetzt ist die 1 eigentlich 1,00…, oder was dasselbe ist 0,99… Dabei deuten der Strich unter der 9 und die drei Punkte an, daß man eigentlich die Ziffer 9 unendlich oft schreiben müßte. Der Zahlbegriff wird immer reichhaltiger und das Netzwerk der damit ausführbaren Operationen immer weitreichender. Das Netzwerk selbst ist völlig logisch, sowohl bei den Griechen, als auch bei diejenigen, die Bruchrechnen können und auch für das Rechnen mit reellen Zahlen, oder später mit komplexen Zahlen; aber die jeweilige Veränderung der Idee der Zahl geschieht nicht nach den Regeln der Logik, sondern nach denen der schöpferischen Vernunft, welche man nachträglich versucht, dem Verstand logisch verständlich zu machen. Die Wahrheit der Idee erkennt aber nur die Vernunft selbst. Da die Logik eine sehr exakte Wissenschaft ist, konnte Kurt Gödel mit seinem Unvollständigkeitsbeweis die Existenz dieser Grenze des Verstandes beweisen.

Wie kann man die jenseits der Verstandeslogik liegenden Regeln der Vernunft erforschen? Einen wichtigen Beitragt zur Beantwortung dieser Frage hat der Mathematiker Jacques Hadamard in seinem 1945 erschienenen Buch The Psychology of Invention in the Mathematical Field geliefert. Darin untersuchte er Zitate genialer Menschen, welche selbst das Zustandekommen schöpferischer Ideen beschreiben. Ein Beispiel ist, wie Henri Poincaré die Entstehung eine seiner mathematischen Entdeckungen beschrieb. Poincaré hatte lange intensiv über ein Problem nachgedacht, ohne zu einer Lösung zu kommen. Dann wurde er in seiner Arbeit unterbrochen. Poincaré beschrieb die Situation so: „Genau zu dieser Zeit verließ ich Caen, wo ich lebte, um an einer von der Bergwerksakademie veranstalteten geologischen Exkursion teilzunehmen. Das Ereignis der Reise ließ mich meine mathematische Arbeit vergessen. Als wir Coutances erreicht hatten, stiegen wir in einen Omnibus, um an einen anderen Ort zu fahren. In dem Moment, als ich meinen Fuß auf das Trittbrett setzte, bekam ich die Idee, ohne daß zuvor irgend etwas in meinen Gedanken gewesen wäre, welches ihr den Weg hätte bereiten können… Ich habe die Idee nicht verifiziert…, aber ich fühlte mich völlig sicher. Nachdem ich nach Caen zurückgekehrt war, habe ich, um gewissenhaft zu sein, das Resultat in aller Ruhe verifiziert.“

Man erkennt den deutlichen Unterschied zwischen der erleuchtenden Vernunftidee und der logischer Verifizierung durch den Verstand. Beides sind völlig unterschiedliche Fähigkeiten des Menschen, und beides ist für eine wissenschaftliche Entdeckung oder ein schöpferisches Kunstwerk notwendig. Einen tiefen Einblick in die Regeln der Vernunft und den Unterschied zum Verstandesdenken, gibt auch das von Hadamar zitierte Beispiel eines berühmten Briefes von Wolfgang A. Mozart, der 1815 von Johann Friedrich Rochlitz in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung veröffentlicht wurde und wahrscheinlich an van Swieten gerichtet war.

„Wenn ich recht für mich bin und guter Dinge,... da kommen mir die Gedanken stromweis und am besten. Woher und wie, das weiß ich nicht, kann auch nichts dazu. Die mir nun gefallen, die behalte ich im Kopfe, und summe sie auch wohl vor mich hin, wie mir Andere wenigsten von mir gesagt haben. Halt ich das nun fest, so kommt mir bald Eins nach dem Andern bei, wozu so ein Brocken zu brauchen wäre, um einen Pastete daraus zu machen, nach Contrapunkt, nach Klang der verschiedensten Instrumente, etc. etc. etc. Das erhitzt mir nun die Seele, wenn ich nämlich nicht gestört werde; da wird es immer größer; und ich breite es immer weiter und heller aus; und das Ding wird im Kopfe wahrlich fast fertig, wenn es auch lang ist, so daß ich’s hernach mit einem Blick, gleichsam wie ein schönes Bild oder einen hübschen Menschen im Geiste übersehe, und es auch gar nicht nacheinander, wie es hernach kommen muß, in der Einbildung höre, sondern wie gleich alles zusammen. Das ist nun ein Schmaus.“

Die Vernunft bedarf keiner Raum-Zeit, sie muß ja nicht Sinneseindrücke ordnen. Für Mozart ist die Idee unmittelbar und vollständig gegenwärtig und er kann das gesamte Musikstück „gleichzeitig“ vor seinem „geistigen Auge hören“ und „gar nicht nacheinander, wie es hernach kommen muß“, damit der Hörer die musikalische Idee sinnlich und verständlich erfassen kann.

IV.

Schiller schätzt die Vernunftfreiheit des Menschen so hoch, daß er den biblischen Sündenfall als „die glücklichste und größte Begebenheit in der Menschengeschichte“ bezeichnet, weil der Mensch „von diesem Augenblick her sich seine Freiheit schreibt“. Die Willesfreiheit macht den Menschen selbst „für das Paradies zu edel“, da er schöpferisch tätig sein möchte und das Paradies in eine Wildnis verwandeln würde, und zwar nur, um dann die Wildnis zum Paradies zu machen.

Dieses selbstgeschaffene Paradies bezieht sich nicht nur auf seine materielle Umgebung, sondern es erstreckt sich auch auf die Gesetze der Natur und der Geschichte. Der „philosophische Geist“ erschafft, so sagt Schiller in seiner Antrittsvorlesung, bei der Erforschung der Geschichte ein solches Paradies, denn er nimmt die „Harmonie aus sich selbst heraus und verpflanzt sie außer sich in die Ordnung der Dinge, d. i. er bringt einen vernünftigen Zweck in den Gang der Welt und ein teleologisches Prinzip in die Weltgeschichte.“ Schiller warnt davor, „den Begebenheiten Gewalt anzutun“, doch „schon der stille Hinblick“ auf dieses Ziel, „das Problem der Weltordnung aufzulösen und dem höchsten Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegnen,… muß dem Fleiß des Forschers einen belebenden Sporn“ geben.

Die paradiesbauende Vernunft erhebt den Menschen, sie ist das Göttliche in ihm. Auf diesen Trieb des Vernunftmenschen, aus der Wildnis ein Paradies zu bauen, weist Schiller in der Schrift Über das Erhabene hin, wenn er fragt: „Wer verweilet nicht lieber bei der geistreichen Unordnung einer natürlichen Landschaft, als bei der geistlosen Regelmäßigkeit eines französischen Gartens?“ Dem Verstand mag das müßige Paradies dieser „geistlosen Regelmäßigkeit“ behaglich vorkommen, die schöpferische Vernunft hingegen treibt es in die Wildnis, um wirken zu können. Schiller erklärt, daß der Verstand, der begreifen und ordnen will, bei einem regulären Wirtschaftsgarten weit mehr als bei einer wilden Naturlandschaft seine Rechnung findet. Aber der Mensch hat noch ein Bedürfnis mehr, als zu leben und sich wohl sein zu lassen, und auch noch eine andere Bestimmung, als die Erscheinungen um ihn herum zu begreifen.“ Deshalb ist die „Anarchie der moralischen Welt“, genau wir die Wildnis in der Natur, „die Quelle eines ganz eigenes Vergnügens“ für das „begeisterungsfähige Gemüt“, welches die Welt eben nicht nur „mit der dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet“. Für den schöpferischen Menschen ist nämlich „gerade dieser gänzliche Mangel einer Zweckverbindung unter diesem Gedränge von Erscheinungen, wodurch sie für den Verstand... übersteigend und unbrauchbar werden“ ein treffliches „Sinnbild für die reine Vernunft“, weil sie ihre Unabhängigkeit von den Naturgesetzen deutlich macht und damit jeden „Fehlschlag der Erkenntnis“ mehr als aufwiegt.

„Aus diesem Gesichtspunkt“ der für den Verstand unermeßlichen Vernunftfreiheit des Menschen „betrachtet, und nur aus diesem, ist mir die Weltgeschichte ein erhabenes Objekt. Die Welt, als historischer Gegenstand, ist im Grunde nichts anders als der Konflikt der Naturkräfte unter einander selbst und mit der Freiheit des Menschen, und den Erfolg dieses Kampfes berichtet uns die Geschichte.“ (Hervorhebung R.S.) Schiller fügt den sehr realistischen aber nützlichen Kommentar an: „So weit die Geschichte bis jetzt gekommen ist, hat sie von der Natur (zu der alle Affekte im Menschen gezählt werden müssen) weit größere Taten zu erzählen, als von der selbständigen Vernunft, und diese hat bloß durch einzelne Ausnahmen vom Naturgesetz in einem Cato, Aristides, Phocion und ähnlichen Männern ihre Macht behaupten können.“

V.

Es lohnt sich, die von Schiller erwähnten Personen genauer zu betrachten, worin das Wirken der „selbständigen Vernunft“ des Menschen in der Geschichte offenbar wird. Ich will anhand des von Schiller schon in Die Räuber gelobten Plutarch kurz auf Aristides eingehen. Die Zeit, in der Aristides lebte, ist dadurch gekennzeichnet, daß es dem kleinen und in mehrere, zumeist miteinander in Streit liegenden Staaten geteilte Griechenland gelang, der Hegemonialmacht Persien Paroli zu bieten. Wäre die Geschichte und die menschliche Vernunft berechenbar, so wäre Griechenland der wirtschaftlichen und militärischen Übermacht Persiens zwangsläufig unterlegen – die Griechische Klassik und alles, was aus ihr folgte, hätte es nicht gegeben!

Wenn die Geschichtsbücher erklären, warum die Griechen widerstehen konnten, dann berichten sie gewöhnlich von Themistokles und der Schlacht von Salamis. Wenn man Plutach folgt, der sich das Wesen der historisch handelnden Personen genau anschaut, kommt man zu dem Schluß, daß in Wirklichkeit Aristides die entscheidende Person war. Nur einem erhabenen Charakter wie ihm konnte es gelingen, das „Undenkbare“ möglich zu machen: eine neue Friedensordnung!

Das Wesen von Themistokles beschreibt Plutarch als „gewandt, keck, hinterlistig, - ein Wesen, das mit Leidenschaftlichkeit und ohne Umstände auf Alles losfuhr.“ Er war offensichtlich von den „Affekten“ dominiert, die laut Schiller zur „Natur“ zählen und nichts mit Freiheit des Willens zu tun haben. Er war in seiner Jugend von den Sophisten beeinflußt und sehr ehrgeizig. Nach der Schlacht von Marathon raubte Themistokles „des Miltiades Siegesdenkmal“ den Schlaf. Sein Entschluß, noch berühmter zu werden als Miltiades, trieb ihn dazu an, in Athen ein gewaltiges Flottenbauprogramm durchzusetzen.

Aristides, dem Themistokles laut Plutach „bei jedem politischen Schritte in den Weg trat“, hatte ein völlig anderes Wesen. „Seine Natur stand auf einer dauerhaften sittlichen Grundlage, die ihre Richtung auf das Gute festhielt und sich keine Heuchelei, keinen Betrug, auch nur im Scherze, irgendwie gestattete... Er war überzeugt, daß es nur die Sittlichkeit und Gerechtigkeit des Wortes und der Tat sein könne, worauf ein rechtschaffener Bürger sein ganzes Vertrauen setzen dürfe... Bewundernswürdig erschien an ihm die Festigkeit, womit er sich bei allen Wechseln seiner politischen Stellung gleichblieb.“ Das erinnert an Schillers Beschreibung des erhabenen Charakters in Über das Erhabene, der sich auch im Elend treu bleibt und ganz unabhängig von äußeren Einflüssen seine innere Freiheit wahrt. „In allen Lagen – dies war Aristides Überzeugung, - müsse er dem Vaterlande seine Dienste widmen, ohne irgend weder an Geld noch an Ehre einen Dank oder Lohn für seine Tätigkeit zu erwarten.“

Das Verhalten Aristides gegenüber Miltiades beschreibt Plutarch so: „Unter den zehn Feldherren, welche Athen für den Krieg gegen den Perser Datis aufgestellt hatte, genoß Miltiades das größte Ansehen, während Aristides sowohl an Ruhm als auch an Einfluß der Zweite war. Aristides erklärte sich bei der Schlacht völlig mit der Absicht des Miltiades einverstanden. Und weil ferner jeder Feldherr immer nur einen Tag die oberste Gewalt hatte, so trat Aristides, als die Reihe wieder an ihn kam, den Befehl an Miltiades ab, indem er hierdurch den anderen Generalen zu verstehen gab, daß der Gehorsam und die Folgsamkeit gegen einen verständigen Mann, weit entfernt Schande zu bringen, vielmehr zur Ehre und Rettung führt.“ Indem sich Aristides, ohne jegliche Ruhmsucht, von der Vernunft leiten ließ, erzog er die Führer Griechenlands. Damit wurde ein gemeinsames Zusammenwirken erreicht, welches Persien übrigens nach besten Kräften zu hintertreiben versuchte, und Aristides schuf so die Grundlage für die erfolgreiche Verteidigung.

Er bekam auch bald den Beinamen: „Der Gerechte“. Plutarch berichtet: „Aristides hatte nun das Schicksal, daß ihm sein Beiname, nach anfänglicher Liebe, späterhin nur Haß eintrug.“ Dies geschah besonders, seitdem „Themistokles das Gerede aufgebracht hatte“, Aristides habe durch seine vernünftigen Urteile „unvermerkt einen Monarchie gegründet, - nur eben ohne Soldaten!“ Auch inszenierte Themistokles ein Verfahren wegen Unterschlagung gegen Aristides, womit er jedoch politisch nicht durchkam. Später konnte er aber erfolgreich ein Scherbengericht gegen Aristides inszenieren und ihn aus Athen zu verbannen.

Plutarch berichtet: „Als nun in vorliegendem Falle die Stimmen gleichfalls geschrieben wurden, soll ein Mensch, der eben auch nicht schreiben konnte und überhaupt ein roher Bauer war, dem Aristides, als dem Nächsten Besten, seine Tafel hingegeben und ihn gebeten haben: „er möchte ‚Aristides’ darauf schreiben!“ Dieser wunderte sich und fragte: „ob ihm denn Aristides etwas Böses getan habe?“ – „Nein (war die Antwort); ich kenne den Mann gar nicht; aber es ärgert mich, daß man ihn überall den Gerechten heißt!“ Wie Aristides das hörte, sagte er keine Silbe weiter, schrieb den Namen auf die Tafel und gab’s ihm.“

Als drei Jahre später Xerxes gegen Attika heranrückte, hob man das Gesetz auf und erteilte den Verbannten die Erlaubnis zur Rückkehr. Aristides kehrte zurück und bot Themistokles sogar seine Hilfe bei der Rettung des Vaterlandes an. Aristides erhabene Charaktergröße erinnert an die eingangs erwähnte Szene aus Nathan der Weise.

In der Schlacht von Salamis wirkte Aristides entscheidend mit, denn er erkannte die strategische Bedeutung der bereits von den Persern besetzten Insel Psyttalea und eroberte sie mit den tapfersten Soldaten. Nach der Schlacht schlug Themistokles vor, den Persern die Brücken für den Rückzug zu zerstören. Aristides drang darauf, den Feind möglichst schnell aus dem Lande zu jagen, und ihn nicht durch Abschneiden der Rückzugswege zu verzweifeltem Kampf zu zwingen.

Dann schuf Aristides etwas, was einzig er, der von Vernunft geleitete „Gerechte“, tun konnte: Er brachte ein Bündnis zustande, welches dauerhaft die Gefahr der persischen Intervention bannen konnte, den Attisch-Delischen-Seebund. Plutrach schreibt: „Die Griechen hatten zwar schon unter der Oberleitung Lakedämons eine unregelmäßige Beisteuer für den Krieg entrichtet; weil sie aber auch einen bestimmten, verhältnismäßigen Ansatz für jeden einzelnen Staat wünschten, so erbaten sie sich von den Athenern den Aristides und beauftragten ihn, von Land und Einkünften genaue Einsicht zu nehmen, um sodann für jeden Teil den Beitrag nach Kraft und Vermögen festzustellen. Die Vollmacht, womit er walten konnte, war überaus bedeutend. Aristides war jetzt gewissermaßen der einzige Mann, dem Griechenland sein Alles auf die Schultern gelegt hat...Wie man im Altertum das Leben unter Saturnus glücklich pries, so taten es jetzt die Bundesgenossen Athens bei den Abgaben unter Aristides.“ Daß dieser Bund später von Athen zur Errichtung einer Hegemonie in Griechenland benutzt wurde, steht auf einem anderen Blatt

Das Beispiel Aristides zeigt, daß Schillers Geschichtskonzept in Über das Erhabene völlig in Einklang mit dem steht, was er in der Antriffsvorlesung und seinen frühen Werken sagt: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“! Das Ziel der Geschichte ist nicht von der Natur oder von höheren Wesen vorgegeben, sondern es wird von der schöpferischen Vernunft genialer Menschen in Harmonie mit der Naturentwicklung gesetzt, und es kann somit die individuellen Lebensziele der handelnden Menschen definieren. Deren Lebenswerk kann, von der Zukunft aus rückwärts betrachtet, einen Beitrag zur Geschichte leisten. Dieser kann dann sogar bis in die „alltäglichsten Verrichtungen des bürgerlichen Lebens“ wirken, welche zum Beispiel „einen Kolumbus voraussetzen“, wie Schiller in seiner Antriffsvorlesung erklärt.

Natürlich wirken die Axiome der Vergangenheit und die historisch entstandene Gesetzessysteme mit Riesenkräften, welche das schwache Individuum erschauern lassen. Nicht jeder ist ein Aristides oder ein Schiller, aber er „kann einen Beitrag leisten“. Der erhabene Charakter weiß: Die Axiome in Geschichte und Natur sind nur das, was ist, sie sind nicht das Wesentliche, das Neue, das, was die schöpferische Vernunft möglich macht, wenn sie aus der Wüste des Urknalls die schönsten Sterne entstehen läßt oder neue Kontinente aus der Lava junger Planeten hervorholt.

VI.

Das Denken einiger Zeitgenossen ist so stark von dem heutigen Kulturpessimismus geprägt, daß sie versuchen, auch bei Schiller eine „geschichtspessimistische“ Einstellung zu finden, um ihn auf diese Weise zum „Modernen“ zu machen. Als Belege zitieren sie aus Über das Erhabene die Stellen, an denen Schiller beschreibt, wie chaotisch, zufällig und unfaßbar die Geschichte für den Verstand sein muß. Sie fürchten die „Freiheit der Gedanken“ und unterschlagen den Standpunkt der Vernunft. Und das, obwohl Schiller ganz ausdrücklich sagt: „Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, und nur aus diesem, ist mir die Weltgeschichte ein erhabenes Objekt.“ Denn sie reißt alle Zügel ab, die ihr der Verstand anlegen will, macht aber dem Vernunftwesen Mensch seine Unabhängigkeit von den Naturgesetzen bewußt.

Durch oberflächliches Anpassen an den Zeitgeist kann man Schiller nicht modern machen. Schiller ist modern, und genau wie man bei der Addition zweier Logarithmen gewiß sein kann, daß Produkt der Numeri zu finden, so ist der große deutsche Dichter Friedrich Schiller, der in seinem Jahrhundert lebte, aber für die Gattung Mensch aller kommenden Jahrhunderte dachte, schrieb und handelte, heute moderner, als mancher Moderne meint.


Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der ew'ge Abgrund wird sich füllen;
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.



* * * * *


© Ralf Schauerhammer, Weg am Wehrholz 17a, 65529 Waldems