Goethes Naturforschung:

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen...

Von Ralf Schauerhammer

Einleitung

Goethe sah sich selbst nicht nur als Dichter, sondern als Universalgelehrter und deshalb auch insbesondere als Naturforscher und er empfand es als eine Verkürzung seiner Person, nur als Dichter bezeichnet zu werden. Er sagte über sich:

„Seit länger als einem halben Jahrhundert kennt man mich, im Vaterlande und auch wohl auswärts, als Dichter und lässt mich allenfalls für einen solchen gelten; dass ich aber mit großer Aufmerksamkeit mich um die Natur in ihren allgemeinen physischen und ihren organischen Phänomenen emsig bemüht und ernstlich angestellte Betrachtungen stetig und leidenschaftlich im stillen verfolgt, dieses ist nicht so allgemein bekannt noch weniger mit Aufmerksamkeit bedacht worden.“

Im Alter drückte sich der vereinsamte Goethe in einem Gespräch mit Eckermann sogar noch schärfer aus, als er mit bitterem Trotz sagte:

„Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewusstsein der Superiorität über viele.“

Inwieweit Goethe mit dieser Einschätzung Recht hatte, darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. Wenn man die Debatte verfolgt, stellt man mit Erschrecken fest, wie mit der Zeit jeder „seinen Goethe“ herbeizitiert, ob Empiriker, Romantiker, Darwinist, Anthroposoph, Nazi, Anhänger der Frankfurter Schule oder New-Age-Freak, alle zerren sie Goethes Naturforschung herbei, verstehen diese endlich „richtig“ und finden genau, was sie brauchen. Aber Goethe hat allen diesen oberflächlichen „Begreifern“ bereits durch seinen Erdgeist im Faust geantwortet: „Ihr gleicht dem Geist, den ihr begreift, nicht mir!“

Wenn es schon zu Goethes Lebzeiten schwer war, seine naturwissenschaftlichen Arbeiten zu würdigen, dann ist das heute noch viel schwerer. Das klingt paradox. Der Grund liegt darin, dass sich seit damals eine Entwicklung verfestigt, die Goethe erkannte und ablehnte, ohne dass er ahnen konnte, welches Ausmaß sie einmal erreichen sollte. Heute sind – für den Universalisten Goethe völlig unverständlich und inakzeptabel – Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, Kunst und Naturwissenschaft, Herz und Kopf, völlig getrennt.[1]
Goethe sieht in der Trennung von Naturwissenschaft und Kunst einen schweren Fehler. In den Heften Zur Naturwissenschaft schreibt er 1817 warnend: „Nirgends wollte man zugeben, dass Wissenschaft und Poesie vereinbar seien. Man vergaß, dass Wissenschaft sich aus Poesie entwickelt habe, man bedachte nicht, dass, nach einem Umschwung von Zeiten, beide sich wieder freundlich, zu beiderseitigem Vorteil, auf höherer Stelle, gar wohl wieder begegnen könnten.“ Das ist genau das, was Schiller in seinem Gedicht „Die Künstler“ mit den Worten ausdrückte: „Nur durch das Morgentor des Schönen / Drangst du in der Erkenntnis Land.“ Und am Ende des Gedichtes schreibt Schiller: „Der Schätze, die der Denker aufgehäufet, / Wird er in euren Armen erst sich freun, / Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet, / Zum Kunstwerk wird geadelt sein.“

Es geht hierbei nicht um ein romantisches Einerlei, um den Ausgleich zwischen linker und rechter Hirnhälfte oder ähnlichem Quark, den man Goethe bisweilen unterschiebt. Naturwissenschaft, die diesen Namen verdient, ist nach Goethes Meinung nur dann Wissenschaft, wenn sie sich über Technisches und Handwerkliches erhebt und schöpferisch neue Erkenntnis „komponiert“. Solch schöpferisches Denken ist ohne „poetische Leidenschaft“ nicht möglich. Umgekehrt darf Kunst nicht zur reinen Unterhaltung verkommen, nur dann ist sie wirkliche, „schöne Kunst“, wenn sie spielerisch die universellen Gesetze der Schöpfung zum Ausdruck bringt. Für beide ist im menschlichen Geist die gleiche Fakultät verantwortlich, und deswegen kann die eine Form aus der anderen entspringen und sich mit ihr auf höherer Stufe wieder vereinen.

Goethe beton noch einen weiteren Punkt, der für seine Zeit und die unsere von Bedeutung ist. Nicht nur sei es falsch, Natur und Kunst zu trennen, sondern der Mensch selbst darf und kann sich bei der Naturbeobachtung nicht von der Natur lösen. Die „Objektivierung“ der Natur durch die Empiristen, welche dem Menschen die Natur als Ding an sich gegenüberstelle, führt nach Goethes Überzeugung zu der irrigen Meinung, die Natur müsse dem Menschen prinzipiell verschlossen bleiben. Das brachte Goethe in einem Gedicht zum Ausdruck, das er den Physikern explizit ins Stammbuch schrieb. Konkret richtete es sich gegen den bekannten Schweizer Naturforscher Albrecht von Haller, der in seinem Gedicht „Die Falschheit menschlicher Tugend“ behauptete, es sei unmöglich, ins Innere der Natur zu dringen. Goethe markiert die aus Hallers Gedicht zitierten Zeilen mit Anführungszeichen und wendet sie durch seine eigenen Kommentare ins Gegenteil.

Allerdings

Dem Physiker

„Ins Innere der Natur —“
O du Philister! —
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig! Wem sie nur
Die äussre Schale weist!“
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend, tausend Male:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.


Genau wie man den der Menschen, wenn man ihn nicht in seiner Gesamtheit betrachtet, gerecht wird, kann man die Natur nur richtig erkennen, wenn man sie als Naturwesen von innen heraus sieht. Das darf, so betont Goethe, die Naturforschung nie aus den Augen verlieren, d.h. die Naturwissenschaft darf nicht ein Subjekt Mensch getrenntes Objekt Natur entgegenstellen. Mit dieser heute kaum nachvollziehbaren Forderung wird man bei der Betrachtung von Goethes Naturforschung immer wieder konfrontiert.

Doch gleich zu Anfang sei denjenigen, die Goethes „Naturverbundenheit“ leichtfertig mit der heutigen „grünen“ Ideologie in einen Topf werfen, folgendes gesagt: Goethe setzte sich zeitlebens entschlossen für den technologischen Fortschritt auf allen Gebieten ein und sah in den technischen Künsten des Menschen keinen Wiederspruch zur Natur, er sah den Menschen nicht, wie es die „grüne“ Ideologie heute tut, prinzipiell als Naturzerstörer, sondern nur den verblendeten Menschen, wie am Ende seines Faust II.


1. Die Entdeckung des Zwischenkieferknochens

Goethes Entdeckung des Zwischenkieferknochens ist ein Paradebeispiel für seine Art, Naturforschung zu betreiben. Der Zwischenkieferknochen ist am Tierschädel im Allgemeinen deutlich zu erkennen. Rechts und links von der Nasenhöhle liegt jeweils ein Knochen, welcher von unterhalb der Augenhöhlen zu den Fangzähnen im Oberkiefer verläuft. Unter der Nasenhöhle werden diese beiden Knochen durch eine Knochenbrücke verbunden, in der normalerweise die vorderen Schneidezähne des Oberkiefers sitzen. Beim Menschen ist, wegen seiner „flachen Schnauze“ und den „verkümmerten“ Fangzähnen, diese Knochenpartie sehr zusammengezogen, weshalb der Zwischenkieferknochen nicht mehr als isolierter Knochen, sondern nur mit dem restlichen Schädel verwachsen zu sehen ist.

Goethe gelingt es, die Existenz dieses Knochens am menschlichen Schädel nachzuweisen. Es geht ihm jedoch nicht um dieses bestimmte Detail, sondern Goethe interveniert in eine Debatte um das Menschenbild, welche damals ausgetragen wurde. Das Fehlen des Zwischenkieferknochens wurde als Beleg für den Unterschied des Menschen vom Tier angesehen. Wem das albern klingt, der sei daran erinnert, dass heute im Bereich der Genetik die gleiche Frage bisweilen auf die gleiche Weise im submikroskopischen Bereich abgehandelt wird, indem der Mensch auf die Bestimmung durch einzelne Gene reduziert wird.

Für Goethe ist klar: Der Mensch ist in jedem Knochen Mensch, und er würde heute sagen, in jedem Gen Mensch. Das besondere an Goethes Arbeit ist auch nicht die Entdeckung des Knochens selbst, sondern dass Goethe zu dessen Entdeckung eine damals völlig neue Forschungsmethode entwickelte, die vergleichende Knochenlehre.

Goethe betrachtet nämlich nicht genauer und immer genauer den menschlichen Schädel, um letztendlich diesen Knochen zu finden, sondern er „vergisst“ vorerst den menschlichen Schädel und betrachtet sich erst einmal alle möglichen Tierschädel – die Schädelknochen des Elefanten, des Tigers, des Affen, verschiedenster Vögel, Fische und Echsen. Immer wieder versucht er, das Entwicklungsgesetz dieser Knochen zu erkennen. Nicht als zeitliche Entwicklung, in der eins aus dem andern entsteht, sondern er sucht nach der zeitlosen Harmonie, durch welche sich die Funktion und Proportion der verschiedenen Schädelknochen ausdrückt. Dadurch gelangt er zu einer „Erfahrung von der höheren Gattung“, er erkennt „ein höheres Prinzip“, welches ihm sofort beim Anblick eines Tierschädels, selbst eines Tieres, welches er noch nie gesehen hat, erkennen lässt, wie der Zwischenkieferknochen im Verhältnis zur Schädelform auszusehen hat. Ja er könnte schließlich ein völlig neues Tier erfinden, und ihm diesen Knochen gesetzmäßig richtig formen. Nachdem er sein geistiges Auge so ausgebildet hat, wendet er sich erneut dem Menschenschädel zu, bei dem dieser Knochen bisher von niemandem gefunden worden war. Und nun „sieht“ er den menschlichen Zwischenkieferknochen klar vor sich und weiß genau, wo feinste Rillen und Knochennähte ihn vom restlichen Schädel trennen. Später wird er diese „vergleichende“ Methode verallgemeinern und den Begriff der Metamorphose in die Naturwissenschaft einführen.

Diese neue Forschungsmethode entspringt Goethes Verständnis vom Universum. Gott offenbart sich in der Natur, und nicht in der überlieferten Heiligen Schrift oder sonstigen nur Eingeweihten wissbaren Weise. Jedes Wesen, auch der kleinste Wurm, ist vollkommen und ein Abbild der gesamten Schöpfung. Der Mensch ist ein Teil der Schöpfung, er ist ihr Höhepunkt, da er als vernunftbegabtes Wesen die Gesetze der Schöpfung erkennen kann. Und so übersendet Goethe am 17.9.1784 seine Entdeckung an C.v.Knebel mit den herrlichen Worten:

„Hier schicke ich dir endlich die Abhandlung aus dem Knochenreiche, und bitte dich um deine Gedanken darüber. Ich habe mich enthalten, das Resultat, worauf schon Herder in seinen Ideen
[2] deutet, schon jetzo mercken zu lassen, daß man nämlich den Unterschied des Menschen vom Tier in nichts Einzelnem finden könne. Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt. Die Übereinstimmung des Ganzen macht ein jedes Geschöpf zu dem, was es ist, und der Mensch ist Mensch sogut durch die Gestalt und Natur der Kinnlade, als durch Gestalt und Natur des letzten Gliedes seiner kleinen Zehe Mensch. Und so ist jede Kreatur wieder nur ein Ton, eine Schattierung einer großen Harmonie, die man auch im ganzen und großen studieren muß, sonst ist jedes einzelne ein todter Buchstabe. Aus diesem Gesichtspunkte ist diese kleine Schrift geschrieben, und das ist eigentlich das Interesse, das darinne verborgen liegt...“

Man muss in der Naturwissenschaft immer die „große Harmonie“ der Schöpfung, von der jede Kreatur „nur ein Ton, eine Schattierung“ ist erforschen. Das ist Goethes Herangehensweise. Welch plattes und lineares Wirkungsdenken liegt dagegen der Darwinistischen These der „Entwicklung“ zugrunde , welche bald darauf mit ihrem Schlachtruf „Der Mensch stammt vom Affen ab!“ Furore machte. Sie entspringt einem eindimensionalen Wirkungsdenken, das Goethe ablehnt. Trotzdem wird Goethe von dem „deutschen Darwin“ Ernst Haeckel zum Vorläufer Darwins gemacht:

„Unter den großen Naturphilosophen, denen wir die erste Begründung einer organischen Entwicklungstheorie verdanken, und welche neben Charles Darwin als die Urheber der Abstammungslehre glänzen, stehen obenan Jean Lamarck und Wolfgang Goethe.“

Der extreme Empirist Emil Du Bois-Reymond hingegen hat sehr richtig erkannt, dass Goethe sich vom Darwinismus „schaudernd abgewandt“ hätte. [3]

Goethe sieht eine sich nach harmonischen Gesetzen in jedem Augenblick verändernde Natur, an der der Mensch Anteil hat. Eine Fixierung oder „Konservierung“ der Natur und einen prinzipiellen und zerstörerischen Widerspruch zwischen Mensch und Natur, wie er heute oft behauptet wird, konnte sich deshalb Goethe gar nicht vorstellen. Die sich immerfort erneuernde und gestaltende Harmonie der Schöpfung ist das Gegenteil des Glaubens einer romantischen „Schäferidylle“ oder einer einstigen „Goldenen Zeit“, einer Offenbarung, welche wir nur durch Überlieferung glauben können. Für Goethe erzeugt sich die Natur jederzeit nach harmonischen Gesetzen neu, der Mensch ist, trotz all seiner Schwächen, im Prinzip gut und das Universum ist für ihn erkennbar. Deswegen soll und kann man forschend die Welt immer besser und tiefer erkennen, aber man kann auch ruhig den natürlichen Kräften des Menschen vertrauen, auch wenn er sich immer wieder irrt und die Natur nie völlig versteht. Denn da der die Natur des Menschen gut ist und er selbst ein Teil der Schöpfung, mit der er harmoniert, gilt für Goethe wie für Schiller: „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt“.


2. Die Metamorphose der Pflanzen, der Weg zum Urphänomen

Wenn man Goethes Forschungsmethode, mit der er den Zwischenkieferknochen des Menschen entdeckt, weiter entwickelt und auf die gesamte Pflanzenwelt anwendet, dann gelangt man zur Idee der „Urpflanze“ und schließlich zum Goetheschen „Urphänomen“ überhaupt. Dabei entsteht die Idee der Urpflanze so unmittelbar aus dem Studium der verschiedensten Pflanzen, dass sie Goethe als ganz aus der Anschauung gewonnen vorkommt, ja anfänglich äußert er sich fast so, als sei er auf einer „Entdeckungsreise“ zur Urpflanze. Auf seiner Italienreise wird ihm klar, die Urpflanze ist eine Idee – obwohl er selbst dieses Wort (vor seiner Begegnung mit Schiller) niemals benutzt hat und wohl auch später nie benutzt hätte. Die Urpflanze ist ein Formprinzip, eine Art Bauplan, ein Erzeugungsprinzip, nach welchem sich alle Teile der Pflanzen bilden.[4]
Es ist auch nicht zufällig, dass sich diese Vertiefung von Goethes Forschungsmethode zur Zeit seiner Italienreise vollzieht. Die Veränderung seiner Denkweise steht mit der damaligen Lebenskrise Goethes in Verbindung. Als begnadetes Glückskind, dem der Ruf des Volkspoeten geradezu in den Schoß gefallen war, war er nach Weimar gekommen. In den überschaubaren dortigen Kreisen hatte er sich mit Elan daran gemacht, die Welt im Konkreten zu verändern und zu verbessern. Immer mehr Staatsaufgaben wurden ihm übertragen. Vom Standpunkt einer „normalen Karriere“ schien alles wunderbar zu laufen, aber er war gescheitert und floh nach Italien. Er hatte erkennen müssen, dass die Gesellschaft, und insbesondere der Adel, hoffnungslos verrottet waren und selbst die größten politischen Anstrengungen zu keiner dauerhaften Verbesserung führen konnten. Halten wir uns vor Augen: Es war die Zeit der Amerikanischen Revolution und der Französischen Revolution.

Goethe musste für sich selbst neue Tiefe finden, um wieder neue Gestaltungskraft für die Zukunft zu gewinnen. Nun erkennt er die Bedeutung der griechischen Klassik, nicht als historisches Untersuchungsobjekt, sondern als Quelle für die notwendige zukünftige Erneuerung. Für die Naturforschung bedeutet das, dass er seine Methode nicht nur weiterentwickeln, sondern kritisch die menschliche Vernunft und die Erkenntnisfähigkeit beobachten muss. Er konzentriert sich nicht mehr nur auf die erkennende Tat, sondern er fordert, dass der schöpferisch denkende Mensch sich beim Denken „mit Ironie“ selbst über die Schulter schauen müsse. [5]

Wie nötig diese subjektive Distanz für Goethe gewesen sein muss, erkennt man daran, dass er von der Idee der Urpflanze damals geradezu besessen war. Er berichtete zum Beispiel über seinen Aufenthalt in Palermo am 17.4.1787:

„Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten, allein, eh ich mich’s versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größere Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel und, indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gefildes fiel mir die alte Grille wieder ein: ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte. Eine solche muss es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, dass dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären.“

Wenig später, im Juni 1787 schreibt er triumphierend in einem Brief aus Rom an Charlotte von Stein:

„Sag Herdern, dass ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und Organisation ganz nah bin und dass es das Einfachste ist, was nur gedacht werden kann... Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten, und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine seiend, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben... Dasselbe Gesetz wird sich auch auf alles übrige Lebendige anwenden lassen.“

Aber was ist denn nun die „Urpflanze“? Obwohl dieses Urphänomen Goethe bildlich vor Augen stand, hat er davon kein „Bildnis“ gemacht. Wie wir später noch bezüglich der ersten Begegnung zwischen Goethe und Schiller sehen werden, unterstützte Goethe seine Erklärung bisweilen „mit einigen Federstrichen“, und es sind einige Zeichnungen Goethes überliefert, aus denen man schließen kann, wie diese Federstriche wohl ausgesehen haben mögen. Wir sehen darauf einen Knoten mit Blatt sowie die Entfaltung der Pflanze in einer Folge solcher Knoten, und schließlich die „zusammenziehende“ Bildung der Blüte, welche im engsten Raum des Samens erneut die Pflanze aus den Keimblatt entstehen lässt.

Das schönste Gemälde der Urpflanze hat uns Goethe jedoch mit einem Gedicht geschenkt, einem Liebesgedicht, welches die Urpflanze vor unserem inneren Auge bildhaft entstehen lässt. Goethe schrieb es am 17./18. Juni 1798 für seine spätere Frau Christiane.

Die Metamorphose der Pflanzen

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
dieses Blumengewühls über den Garten umher;
viele Namen hörest du an, und immer verdränget
mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern;
und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz,
auf ein heiliges Rätsel. O könnt' ich dir, liebliche Freundin,
überliefern sogleich glücklich das lösende Wort!
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
stille befruchtender Schoß hold in das Leben entlässt,
und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten,
gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
Einfach schlief in dem Samen die Kraft, ein beginnendes Vorbild
lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt sich,
ausgebildet, du siehst's, immer das folgende Blatt,
ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile,
die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung
an und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin.
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße,
und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an.
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke,
und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus.
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stängel,
und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne
Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin.
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entlässt.
Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung,
und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft.
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stängel die Blume
über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt.
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung;
ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand,
und zusammen zieht es sich schnell; die zärtesten Formen,
zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt.
Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen,
zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar.
Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig,
strömen süßen Geruch, alles belebend, umher.
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime,
hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt.
Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge
und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt
Jede Pflanze verkündet dir nun die ew'gen Gesetze,
jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir.
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug:
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,
bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.
O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft
nach und nach in uns holde Gewohnheit entspross,
Freundschaft sich mit Macht aus unserm Innern enthüllte,
und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt.
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten,
still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn !
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe
strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun
sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.


2.1 Goethe und Alexander von Humboldt

Wie entscheidend Goethes Konzept und Methode damals die Naturwissenschaft beeinflusst hat, wird daran deutlich, wie der wohl größte Naturforscher der damaligen Zeit, Alexander von Humboldt, diese aufnahm und weiterführte. Humboldt widmete Goethe 1805 seine „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ und ließ von Bertel Thorvaldsen ein Widmungsblatt zeichnen, welches Goethe in Gestalt eines Apollo festhielt, der durch seine „Metamorphose der Pflanzen“ die „Natur“ entschleiert. In der Tat war diese Widmung kein Lippenbekenntnis oder eine bloße Geste. Alexander von Humboldt schrieb im Mai 1806, nach der Rückkehr von seiner berühmten Forschungsreise durch Südamerika, an Caroline von Wohlzogen (1762-1847) einen Brief, in dem er seines Aufenthalts in Jena gedachte:

„...In den Wäldern des Amazonasflusses wie von einem Hauche beseelt, von Pol zu Pol nur ein Leben ausgegossen ist in Steinen, Pflanzen und Tieren und in des Menschen schwellender Brust. Überall ward ich von dem Gefühle durchdrungen, wie mächtig jene Jenaer Verhältnisse auf mich gewirkt, wie ich durch Goethes Naturansichten gehoben, gleichsam mit neuen Organen ausgerüstet worden war...“

Die Erinnerung bezieht sich auf die Zeit von April 1797, als Alexander von Humboldt eine Woche in Goethes Haus am Frauenplan verbrachte. Es wurden Versuche gemacht, an denen auch Schiller Anteil nahm. Humboldt befolgt den gleichen Grundsatz wie Goethe, allerdings von einem anderen Gesichtspunkt, in seinen „Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse“. Die Herausbildung der sechzehn physiognomischen Grundformen, die zum ersten Mal am Schluss der „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ erschien und in den „Ansichten der Natur“ ausführlicher behandelt wurde, ist eine Weiterführung dessen, was Goethe mit der Urpflanze und der Metamorphose dargelegt hatte.

Ein weiterer Beleg für die enge Geistesverwandtschaft von Alexander von Humboldt und dem Naturforscher Goethe findet sich in der Einleitung zu Humboldts Hauptwerk, dem Kosmos, in welchem er ausführlich aus dem Aufsatz „Fragment über die Natur“ zitiert, der von Goethe 1783 herausgegeben wurde: [6]

„Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen. [7]
Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder — alles ist neu und doch immer das Alte. Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehn gehängt.

Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen und ist immer dieselbe.“


2.2 Schillers „freundliche“ Warnung

Wie bereits erwähnt ging es auch bei der ersten persönlichen Diskussion zwischen Schiller und Goethe am 20.7.1794 in der Naturforschenden Gesellschaft in Jena um die Metamorphose, und als Goethe mit einigen Federstrichen seine Urpflanze vor Schillers „Augen entstehen ließ“, warf dieser ein: „Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.“ Goethe beschrieb diese „Erste Bekanntschaft mit Schiller“ 23 Jahre nach dem Treffen aus der Erinnerung so: „Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor und ließ mit manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme,... als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: ,Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.’ Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen:… der alte Groll wollte sich regen, ich nahm mich aber zusammen und versetzte: ,Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.’ Schiller, der viel mehr Lebensklugheit und Lebensart hatte als ich..., erwiderte darauf als ein gebildeter Kantianer; und als aus meinem hartnäckigen Realismus mancher Anlass zu lebhaftem Widerspruch entstand, so war viel gekämpft und dann Stillstand gemacht; keiner von beiden konnte sich für den Sieger halten, beide hielten sich für unüberwindlich... Der erste Schritt war jedoch getan.“

Dieser Streit um den Begriff der „Idee“ ist ganz wesentlich für die „anschauliche“ Denkart Goethes, und wir haben bereits erwähnt, wie sich Goethe später Schillers Begriffen annähert.

Aus dem Briefwechsel können wir schließen, dass sich Schiller und Goethe in den ersten Tagen ihrer persönlichen Bekanntschaft sehr intensiv über Naturwissenschaft unterhalten haben. Goethe legt im August 1774 einem Brief als Anhang seinen Aufsatz bei „Inwiefern die Idee: Schönheit sei Vollkommenheit mit Freiheit, auf organische Naturen angewendet werden könne“. In seinem Antwortbrief verweist Schiller auf einen eineinhalb Jahre zurückliegenden Briefwechsel zwischen ihm und Körner. Dieser Verweis bezieht sich auf die sogenannten „Kalliasbriefe“, in denen Schiller seinem „nachsichtigen Freund“ über die Idee der Schönheit als Freiheit in der Erscheinung geschrieben hatte.[8]
Die nächste wichtige Phase der Zusammenarbeit über Fragen der naturwissenschaftlichen Methode zwischen Goethe und Schiller ist wohl Anfang 1798. Damals widmet sich Goethe erneut intensiv der Farbenlehre und bedrängte Schiller geradezu, ihm bei der Klärung epistemologischer Fragen zu helfen. Am 9. Januar 1798 schreibt Goethe an Schiller:

„Indessen habe ich in diesen farb- und freudlosen Stunden die Farblehre wieder vorgenommen... Jetzt hinterdrein sehe ich erst, wie toll die Unternehmung war... Denn selbst jetzt, da ich mich so weit durch- gearbeitet habe, bedarf es noch sehr großer Arbeit, bis ich mein Material zu einer reinen Darstellung bringe... Ich lege einen kleinen Aufsatz bei, der ohngefähr 4 bis 5 Jahre alt sein kann, es wird Sie gewiss unterhalten zu sehen, wie ich die Dinge damals sah...“

Bei dem „kleinen Aufsatz“ handelt es sich um die wohl 1793 entstandene Schrift „Der Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt“, von dem es sich lohnt, einige Passagen hier anzuführen.

„Sobald der Mensch die Gegenstände um sich he gewahr wird, betrachtet er sie in Bezug auf sich selbst, und mit Recht. Denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm gefallen oder missfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sie ihm nutzen oder schaden. Diese ganz natürliche Art, die Sachen anzusehen und zu beurteilen, scheint so leicht zu sein, als sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei tausend Irrtümern ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Leben verbittern.

Der Wert eines Versuchs besteht vorzüglich darin, dass er, Bedingungen mit einem bekannten Apparat und mit erforderlicher Geschicklichkeit jederzeit wieder hervorgebracht werden könne, sooft sich die bedingten Umstände vereinigen lassen...

So schätzbar aber auch ein jeder Versuch einzeln betrachtet seien mag, so enthält er doch nur seinen Wert durch Vereinigung und Verbindung mit andern. Aber eben zwei Versuche, die miteinander einige Ähnlichkeit haben, zu vereinigen und zu verbinden, gehört mehr Strenge und Aufmerksamkeit, als selbst scharfe Beobachter oft von sich gefordert haben... Man kann sich daher nicht genug in acht nehmen, aus Versuchen nicht zu geschwind zu folgern: denn beim Übergang von der Erfahrung zum Urteil, von der Erfahrung zur Anwendung ist es, wo dem Menschen gleichsam wie an einem Passe alle seine inneren Feinde auflauern, Einbildungskraft, Ungeduld, Vorschnelligkeit, Selbstzufriedenheit, Leichtsinn, Veränderlichkeit und wie die ganze Schar mit ihrem Gefolge heißen mag, alle liegen hier im Hinterhalte und überwältigen unversehens sowohl den handeln- den Weltmann als auch den stillen, vor allen Leidenschaften gesichert scheinenden Beobachter...

Ich wage nämlich zu behaupten, dass ein Versuch, ja mehrere Versuche in Verbindung, nichts beweisen, ja dass nichts gefährlicher sei, als irgendeinen Satz unmittelbar durch Versuche bestätigen zu wollen, und dass die größten Irrtümer eben dadurch entstanden sind, dass man die Gefahr und die Unzulänglichkeit dieser Methode nicht eingesehen...“

Schiller antwortet Goethe darauf am 12. Januar 1798, indem er Goethes Grundkonzept befürwortet. Schiller gibt ihm aber auch deutlich den freundschaftlichen Rat mit auf den Weg, seinerseits nicht „die Denkkräfte durch das Objekt zu sehr einzuschränken“ – ein Rat, den Goethe insbesondere bei seiner Behandlung der Farbenlehre nicht ausreichend beherzigt hat. Wir werden bald genauer erkennen, dass der oben zitierte Aufsatz über den „Versuch als Vermittler“ vor allem vor dem Hintergrund von Goethes Auseinandersetzung mit der Newtonschen Methode entstanden ist. Schiller antwortet so:

„Ihr Aufsatz enthält eine treffliche Vorstellung und zugleich Rechenschaft Ihres naturhistorischen Verfahrens, und berührt die höchsten Angelegenheiten und Erfordernisse aller rationellen Empirie, indem er nur einem einzelnen Geschäfte die Regeln zu geben sucht. Ich werde ihn noch sorgfältig durchlesen und überdenken und Ihnen dann meine Bemerkungen mitteilen. Das ist mir z.B. sehr einleuchtend, wie gefährlich es ist, einen theoretischen Satz unmittelbar durch Versuche beweisen zu wollen. Es stimmt dies, wie mir däucht, mit einer anderen philosophischen Warnung überein, dass man seine Sätze nicht durch Beispiele beweisen solle, weil kein Satz dem Beispiel gleich ist. Die entgegengesetzte Methode verkennt den essentiellen Unterschied zwischen Naturwelt und der Verstandeswelt ganz, ja sie hebt die ganze Natur auf, indem sie bloß ihre Vorstellung uns in den Dingen und nie umgekehrt finden lässt.

Überhaupt kann eine Erscheinung oder Faktum, die etwas durchgängig vielfach Bestimmtes ist, nie einer Regel, die bloß bestimmend ist, adäquat sein. Ich wollte wünschen, es gefiel’ Ihnen, den Hauptinhalt dieses Aufsatzes auch für sich selbst und unabhängig von der Untersuchung und Erfahrungen, denen er zur Einleitung dient, auszuführen. Sie würden auf eine strengere und reinere Scheidung des praktischen Verfahrens und des theoretischen Gebrauchs bedeutende Fingerzeige geben, man würde dahin gebracht werden sich zu überzeugen, dass nur dadurch die Wissenschaft erweitert werden kann, dass man auf der einen Seite dem Phänomen ohne allen Anspruch auf eine hervorzubringende Einheit folgt, es von allen Seiten umgeht und bloß die Natur in ihrer Breite aufzufassen sucht — auf der andern Seite (und wenn jene erste nur in Sicherheit gebracht ist) die Freiheit der vorstellenden Kräfte begünstiget, das Kombinationsvermögen sich nach Lust daran versuchen lässt, mit dem Vorbehalt, dass die vorstellende Kraft auch nur in ihrer eigenen Welt und nie in dem Faktum etwas zu konstruieren suche. Denn mir däucht, es ist bisher auf zwei entgegengesetzte Arten in der Naturwissenschaft gefehlt worden, einmal hat man die Natur durch die Theorie verengt und ein andermal die Denkkräfte durch das Objekt zu sehr einschränken wollen. Beiden muss Gerechtigkeit geschehen, wenn eine rationale Empirie möglich sein soll, und beiden kann Gerechtigkeit geschehen, wenn eine strenge kritische Polizei ihre Felder trennt. Sobald man die Freiheit der theoretischen Vermögen begünstiget, so kann es nicht fehlen, und die Erfahrung lehrt es, dass die Mannigfaltigkeit der Vorstellungsarten, wodurch sie sich wechselweise einschränken und öfter aufheben, den Schaden gut macht, den der Despotismus einer einzigen stiftet.“


3. Goethes Kampf gegen Newtons Ungeist: Die Farbenlehre

Der umfangreichste Teil der Naturforschung Goethes, geht man von der Zahl der zu den verschiedenen Themen veröffentlichten Seiten aus, beschäftigt sich mit dem Gebiet der Farbenlehre. Und keine seiner Arbeiten wurde derart gelobt und verdammt. Wie wir eingangs gesehen haben, blieb Goethe mit seiner Ansicht der Dinge fast völlig isoliert. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens wurde sein wesentlicher Kritikpunkt an der vorherrschenden empirischen Methode, die Goethe mit der Newton-Schule identifiziert, nicht verstanden. Der Grund dafür wurde bereits in der Einleitung angedeutet. Doch es war nicht nur die Dickköpfigkeit seiner Zeitgenossen, die ihn isolierte. Denn zweitens gelingt es Goethe nicht, eine wirkliche Alternative zu dieser empirischen Methode zu entwickeln, welcher man sich in der Naturwissenschaft getrost überlassen kann. Das liegt ironischerweise daran, dass ausgerechnet auf dem Gebiet des Lichtes, der Farbe und des Sehens die von Goethe in der Biologie so erfolgreich entwickelte und angewandte „anschauende“ Methode des Urphämomens an ihre Grenzen stößt. Daher erklärt sich, dass Alexander von Humboldt, der Goethes Arbeiten auf dem Gebiet der Biologie so offenkundig begrüßte, sich gegenüber Goethes Farbenlehre sehr bedeckt hielt.[9] Doch betrachten wir erst einmal, wie Goethe an die Farbenlehre herangeht und warum er das so tut und nicht anders.


3.1 Das Urphänomen der Farbenlehre

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.“ So schreibt Goethe im Vorwort der ersten Ausgabe seiner Farbenlehre 1810, und er fährt fort:

„In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten, Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken; denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges besonders offen- baren will.“

Und in der nachfolgenden Einleitung fährt er fort:

„Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem Äußeren entgegentrete. Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte, nur von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte eines alten Mystikers, [10] die wir in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken? [11]

Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen; aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es fasslicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von außen erregt werde.“

Goethe zieht also die Grenze zwischen geistiger „Einbildungskraft“ und physikalischer „Erscheinung“ anders als die „objektive“ empirische Wissenschaft. Das „innere“ Licht „ruht“ im Auge und macht das physikalische Sehen des „äußeren“, d.h. physikalischen Lichtes erst durch eine aktive Handlung möglich, zu der es durch innere oder äußere Anregung veranlasst wird. Konsequenterweise geht Goethe in seiner Untersuchung des Lichtes und der Farben vom Auge aus. [12]

„Wir betrachten also die Farben zuerst, insofern sie dem Auge angehören und auf einer Wirkung und Gegenwirkung desselben beruhen; ferner zogen sie unsere Aufmerksamkeit an sich, indem wir sie an farblosen Mitteln oder durch deren Beihilfe gewahrten [das sind insbesondere die Prismen-Versuche, die Goethe erst an zweiter Stelle untersucht haben will, R.S.]; zuletzt aber wurden sie uns merkwürdig, indem wir sie als den Gegenständen angehörig denken konnten. Die ersten nannten wir physiologische, die zweiten physische, die dritten chemische Farben...

Gegenwärtig sagen wir nur so viel voraus, dass zur Erzeugung der Farbe Licht und Finsternis, Helles und Dunkel oder, wenn man sich einer allgemeinen Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert werde. Zunächst am Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zunächst der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau bezeichnen. Diese beiden, wenn wir sie in ihrem reinsten Zustand dergestalt vermischen, dass sie sich völlig das Gleichgewicht halten, bringen eine dritte hervor, welche wir Grün heißen. Jene beiden ersten Farben können aber auch jede an sich selbst eine neue Erscheinung hervorbringen, indem sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie erhalten ein rötliches Ansehen, welches sich bis auf einen hohen Grad steigern kann, dass man das ursprüngliche Blau und Gelb kaum darin mehr erkennen mag.“

Diese „Steigerung“ des Gelb bzw. Blau ins Rot bezeichnet Goethe später als „eine der wichtigsten Erscheinungen in der Farbenlehre, indem wir ganz greiflich erfahren, dass ein quantitatives Verhältnis einen qualitativen Eindruck unserer Sinne hervorbringe.“

Wieder sucht Goethe nach einem Urphänomen der Farbenlehre. Er denkt so: Absolut durchsichtig ist der leere Raum. Denkt man sich diesen Raum auf eine Weise mit Materie gefüllt, dass das Auge noch keinen Unterschied entdeckt, ist es das „Durchsichtige selbst“, welches „schon der erste Grad des Trüben“ ist. Von da geht es kontinuierlich weiter bis zum Weißen, welches das „vollendete Trübe“ ist. Die Wechselwirkung zwischen trüben Medien mit Licht und Finsternis bringen alle physischen Farben als „abgeleitete Phänomene“ dieses „Urphänomens“ bzw. der beiden Aspekte des „Urphänomens“ (der Wechselwirkung von Trübe mit Licht oder Finsternis) hervor. Farbloses Licht erscheint durch ein trübes Medium hindurch gesehen gelb und mit zunehmender Trübe gelbrot bis hin zu Rubinrot. Finsternis scheint durch ein von auffallendem Licht erhelltes Mittel gesehen blau, und bei dem mindesten Grad von Trübe Violett.

So erscheint zum Beispiel die Sonne mittags (bei geringer Trübe) gelb, morgens und abends (bei starker Trübe) rot. Andererseits erscheint ihm die Finsternis des Weltraums durch das Tageslicht blau, welches umso intensiver ist, je klarer die Atmosphäre ist. [13]
Wie ist es nun mit den Farberscheinungen, die „durch Beihilfe farbloser Mittel“ bei der Brechung von Lichtstrahlen entstehen? Die Newtonsche Theorie führte ja die Entstehung alle Farben auf die unterschiedliche Brechung zurück. Goethe beschreibt in den „Konfessionen des Verfassers“ zur Farbenlehre sehr plastisch, wie er beim Blick durch ein geliehenes Prisma plötzlich und unerwartet nur an den Rändern einen dünnen Farbsaum sieht und nicht, wie er erwartet, die ganze Wand farbig erschien. Er sagt, er habe dadurch „wie durch einen Instinkt sogleich“ erkannt, „dass die Newtonsche Lehre falsch sei.“ Ganz glauben kann man Goethe diese dramatische Geschichte nicht, denn er deutet an der gleichen Stelle durch die Bemerkung über seine Notizen zur Himmelsbläue an, dass er damals schon zu einer ganz anderen Farbentheorie als Newton gekommen war, bei der die Polarität zwischen Licht und Finsternis, von dem das Blaue „nur dem Grade nach“ verschieden sei, eine entscheidende Rolle spielt. Der „enttäuschende“ Blick durchs Prisma auf die weiße Wand soll dem Leser seine Farbenlehre verdeutlichen, bei der das weiße Licht eben nur an Grenzen oder durch das Trübe die verschiedenen Farben hervorbringt.

Von seinem polaren Konzept ausgehend ist Goethe das „gespaltene Spektrum“, welches durch die Newtonsche Voraussetzung des engen Spaltes gerade vermieden wird, das wesentliche Phänomen. An der einen Seite des Spaltes, der „Lichtseite“, erscheint Gelb und dann dessen „Steigerung“ zum Roten, auf der anderen Seite, der „Finsternisseite“, erscheint Blau samt seiner „Steigerung“ Violett, und Grün entsteht schließlich nur als Mischfarbe der beiden, wenn die beiden Kanten des Spaltes nahe genug beieinander sind und sich die beiden Seiten des gespaltenen Spektrums überlagern. Newton sieht das von seiner Hypothese der Farbzerlegung des weißen Lichtes umgekehrt so, dass beim Auseinanderrücken der Kanten des Spaltes in der Mitte durch Überlagerung wieder Weiß entsteht. Deswegen ist auch ein weißes Abbild einer durch ein Prisma betrachteten weißen Wand für Newton völlig normal.

Für Goethe hingegen entstehen die Farberscheinungen, die im Zusammenhang mit der Lichtbrechung wahrgenommen werden, durch die Wechselwirkung zwischen Licht und Finsternis und dem Medium dadurch, dass ein Bild „verrückt“ wird. Dieses Verrücken oder Erzeugen eines „Nebenbildes“ wirkt wie die Trübe, und es entstehen Farberscheinungen.

„Bewegen wir eine dunkle Grenze gegen das Helle, so geht der gelbe breitere Saum voran, und der schmälere gelbrote Rand folgt mit der Grenze. Rücken wir eine helle Grenze gegen eine Dunkle, so geht der breitere violette Saum voraus und der schmälere blaue Rand folgt.“

Dabei unterläuft Goethe ein methodischer Fehler. Der Fehler ist jedoch von einer Art, dass ihn die Vertreter der Newtonschen Schule nicht erkennen. Was er als „Nebenbild“ bezeichnet, gibt es „nur“ als „Idee“, aber gerade nicht als „reales“ physiologisches Phänomen, aus dem nur (auf die von Goethe dargelegte Weise) eine „Anschauung“ hervorgehen kann. Das müsste jedoch nach Goethes Vorstellung unbedingt der Fall sein. Goethe kommt zu den Nebenbildern nämlich in Wirklichkeit nicht durch Anschauung, sondern durch einen (fehlerhaften) Analogieschluss. Er denkt folgendermaßen: Wenn man eine weiße Figur anschaut und dann die Augen schließt, erscheint diese Farbe im Auge dunkel. Ein ähnlicher Komplementär-Effekt tritt auf, wenn man eine graue Figur abwechselnd vor weißem und schwarzem Hintergrund betrachtet. Während man die graue Figur ansieht, erscheint dem Auge der Rand im ersten Fall dunkel und zusammengezogen, im zweiten hell und ausgeweitet. Man nimmt beim Schwarz-Weiß-Sehen also zwei Komplementär-Effekte wahr, einmal die zeitliche Vertauschung von hell und dunkel und zweitens die momentane Ausweitung bzw. Einengung des Bildes abhängig von der dunklen bzw. hellen Nachbarschaft.

Bezüglich des Farbsehens schließt Goethe nun analog und kommt so zu den farbigen „Nebenbildern“. Physiologisch gibt es beim Farbsehen jedoch nur den ersten Effekt, nämlich die Komplementärfarbe, die man sieht, wenn man eine Farbe angesehen hat und dann die Augen schließt. Aber beim Ansehen von farbigen Bildern in verschiedenfarbiger Umgebung entstehen keine ausgeweiteten oder eingezogenen Farbränder. Goethe drückt sich auch recht vage aus:

„Bei genauer Beobachtung dieses Phänomens lässt sich bemerken, dass die Bilder nicht scharf vom Grunde abgeschnitten, sondern mit einer Art von grauem, einigermaßen gefärbten Rand, mit einem Nebenbild erscheinen.“

Eine „Art von grauem Rand“ kann durch das Schwarz- Weiß-Sehen erklärt werden, aber ein wirkliches farbiges „Nebenbild“ entsteht in dem „einigermaßen gefärbten“ Rand nicht. Wenn man die Nebenbilder lediglich als theoretisch-logische Hilfskonstruktion ansieht, dann „funktioniert“ Goethes Erklärung. Da er sich jedoch gerade gegen diese „unanschauliche“ Art der Erklärung wendet, weil sie nicht aus der „realen Anschauung“ entspringt, müsste er sein eigenes Argument eigentlich selbst verwerfen.


3.2 Die Ablehnung von Newtons Experimentum crucis

Nachdem wir jetzt die Grundzüge von Goethes Farbenlehre kennengelernt und kritisch betrachtet haben, müssen wir darstellen, inwieweit Goethe in seiner Kritik von Newtons Vorgehensweise Recht hatte. Goethe wendet sich gegen Newtons Vorgehensweise, welche ein „kompliziertes Experiment“ an die Spitze aller Untersuchungen stellte. Newton verschleiert dem Leser auf diese Weise seine Hypothesen über das Wesen des Lichtes, welche er implizit voraussetzt und welche somit dem Leser untergeschoben werden. Eine derartige Vorgehensweise hält Goethe für unredlich.

Er ist übrigens nicht der erste, der eine derartige Kritik äußert. Der Jesuit Francesco M. Grimaldi, dessen 1666 bekanntgegebene optischen Versuche Newtons optische Arbeiten wesentlich angeregt haben, kritisierte bereits zu Newtons Lebzeiten, dass das „experimentum crucis“ alleine nicht ausreicht, um Newtons radikale Abkehr von der wesentlich durch Leonardo da Vinci geprägten Vorstellung vom Wesen des Lichts und der Farben zu rechtfertigen. Goethe greift diese Vorstellung Leonardos wieder auf. Außerdem waren die „Newtonschen“ Versuche zur Zerlegung des Lichtes auch gar nicht neu, sondern bereits zwei Jahrzehnte zuvor von dem Jesuiten Johann Markus Marci von Kronland ausgeführt worden. [14] Newtons Methode der experimentell-deduktiven Darstellungsweise der 1704 erschienenen „Opticks“, welche Goethe angreift, muss man vor dem Hintergrund von Newtons Welt- und Menschenbild verstehen.

Newtons Universum ist instabil und zerfällt. Störungen zwischen den Planeten führen mit der Zeit zwangsläufig zu Unordnung und Wirrnis. Ja, das ganze Universum würde schlagartig in sich kollabieren, stünde diesem schnellen Zerfall nicht die Trägheit der Masse entgegen. Gott muss deshalb nach Newtons Weltsicht von Zeit zu Zeit eingreifen und das Universum wieder in Ordnung bringen und gerade diese Notwendigkeit des Eingreifens begründet nach Newtons Meinung die Notwendigkeit der Existenz Gottes. Der von Newton postulierte „absolute Raum“ ist als „Sensorium“ für diesen wunderbaren Eingriff Gottes notwendig. Wir verdanken es Leibniz, dass er durch die öffentliche Debatte, zu der er Newton herausforderte und die dieser durch seinen Schreiber Clark führen ließ, diesen Punkt klar dokumentiert hat. Die zentrale Frage dieser Debatte ist folgende. Leibniz wendet ein, dass Newtons Gott ein unvollkommener Gott und ein schlechter „Uhrmacher“ sei, wenn er immer wieder „reparierend“ eingreifen müsse, anstatt das Universum von Anfang an vollkommen und entwicklungsfähig zu schaffen. Newton begegnet diesem Einwand ausdrücklich damit, dass Gott, wenn er ein wahrer Herrscher sei, auch wahrhaft herrschen, d.h. eingreifen können müsse. Newtons Gott ist ein absolutistischer Monarch, Leibniz hingegen betont, dass sich das Universum, wie auch jeder einzelne Mensch, immer weiter vervollkommnen kann. Gott hat die Welt als beste aller Welten geschaffen, d.h. es ist schöpferische Freiheit möglich, weil der Mensch als „Abbild Gottes“ vernunftbegabt ist und das Universum erkennen und die Schöpfung weiterführen kann. Gerade diese schöpferische Vernunft des Menschen beweist die Existenz Gottes und nicht der „wunderbare“ Eingriff.

Entsprechend ist Newtons Bild vom Menschen. Das Menschengeschlecht ist in einem Prozess des Niedergangs. Die ursprüngliche Kultur wurde seiner Meinung nach einigen Weisen in einem goldenen Zeitalter von Gott offenbart. Dieses geheime Wissen wurde von einer jeweils kleinen Zahl von Gelehrten bewahrt und in Mythen verschlüsselt überliefert. Newton studierte intensiv die Schriften des Alchemisten Michael Maier und war dessen Meinung. Newton gestaltet seine eigenen Schriften deshalb entsprechend obskur. Der zu seiner Zeit hegemonialen „principia philosophica“ von Descartes setzt er seine „principia mathematica“ entgegen, wobei die formale mathematische Behandlung, die wir heute als modern empfinden, offenbartes bzw. verschlüsselt überliefertes Symbolwissen ersetzt. [15] Newton verwendet nämlich gerade nicht die Infinitesimalrechnung, welche eine mathematische Behandlung der Mechanik damals hätte rechtfertigen können. Diese neue und leistungsfähige Methode hatte Leibniz damals im Zusammenhang mit der Entwicklung der von ihm über die Mechanik hinausgehenden physikalischen Wissenschaft, der „Dynamik“, geschaffen.[16]

Die experimentell-deterministische Methode, wie sie Newton in seiner „Opticks“, der er als Grunddogma das „experimentum crucis“ voranstellt, entspricht genau dieser „mathematischen“ Methode seiner „principia“. Newton versteckt seine Hypothesen (er behauptet er mache keine Hypothesen) hinter einer Folge von Versuchen, aus denen sich die Wahrheit angeblich ableiten lässt. Als „Axiom“ steht am Anfang das „Experimentum crucis“, aus dem sich angeblich der Rest deduzieren lässt. Goethes Kritik an diesem Missbrauch der „Empirie“ ist in der bereits im Dialog mit Schiller erwähnten Schrift „Der Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt“ dargestellt.

Der Hauptpunkt, an dem Goethe die Auseinandersetzung um die Farbenlehre aufhängt, ist folgender: Vor Newton galten das weiße Licht als einfaches Phänomen der Optik und die Farben als abgeleitete Erscheinungen. Newton dreht das genau um, für ihn ist das weiße Licht aus den einfachen Grundfarben zusammengesetzt. Heute sagen wir, das monochromatische Licht ist einfach, und verstehen unter monochromatisch die singulären Frequenzen, bei denen Elektronenübergänge in der Materie elektromagnetische Energie abstrahlen.

Eine derartige Betrachtungsweise ist erst seit Joseph Fraunhofers Arbeiten im Jahre 1815 möglich, der diese Spektralfarben im Kontinuum des Sonnenlichtes feststellte. Newtons Definition der „einfachen“ Farbe hat jedoch damit gar nichts zu tun. Aus dem „experimentum crucis“ schließt er unter anderem: Es gibt zwei Arten von Farben, einfache und zusammengesetzte. Die einfachen sind die sieben Farben Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett, Orange und Indigo. Scheinbare Veränderungen dieser Farben lassen sich nach Newton durch Mischung verschiedener Strahlen hervorrufen. Und sogar die Primärfarben selbst kann man durch Zusammensetzung verschiedener Strahlen hervorrufen, wobei die Mischung zweier Spektralfarben die zwischen diesen liegende ergibt.

Es ist in der Tat nicht logisch, wenn Newtons einfache Grundfarben auch durch Mischung entstehen können. Und Goethe weist ganz richtig darauf hin, dass sich Newtons einfache Primärfarben durch ein Prisma in verschiedene Farbtöne aufspalten lassen. Völlig unbegründet ist zudem, warum es nach Newton ausgerechnet sieben einfache Farben geben soll, warum nicht drei oder zwölf oder siebzehn? Voltaire, der maßgeblich an der Verbreitung des Newton-Kultes in Europa beteiligt war, berichtet, dass Newton deswegen sieben Primärfarben gewählt habe, weil er dadurch von dem Jesuiten und Alchemisten Athanasius Kircher angeregt worden sei und das Spektrum entsprechend der sieben Töne der Tonleiter aufteilte. Hätte es damals schon die Zwölftonmusik moderner Machart gegeben, hätte sich Goethe vielleicht mit zwölf Newtonschen Primärfarben herumgeärgert.[17]
Wenn man bedenkt, welcher abgeschmackte Kult seit Beginn des 18. Jahrhunderts mit der Person Newtons getrieben wurde, dann wird Goethes Ekel vor dieser „Schule“ verständlich. Man muss sich nur das berühmte Bild in Erinnerung rufen, wo Newton wie im Mittelalter die Heiligen direkt unterhalb von Gott sitzend abgebildet ist mit einem Spiegel in der Hand, in den Gott ihm einen Lichtstrahl sendet. Oder an den Zweizeiler des damaligen Starpoeten Alexander Pope

„Nature and Nature’s law lay hid in night;
God said, let Newton be! And all was light,“

Mit diesem Ausspruch soll der sterbliche Mensch Isaac Newton über die gesamte Schöpfung des Universums erhoben werden.

Die Kritik Goethes an der dominanten Newtonschen Schule in der Naturwissenschaft ist gerechtfertigt, und sie ist es auch in der von ihm geführten Form: Er weigert sich prinzipiell, sich auf dieses Niveau zu begeben.

Doch nun stellt sich folgende Frage: Angenommen Goethe hatte mit seiner radikalen Behauptung Recht, angenommen er war tatsächlich der einzige, der „das Rechte“ auf dem „schwierigen Gebiet der Farbenlehre“ wusste, ist seine Methode dann ein fruchtbarerer Ansatz für die Zukunft der Naturwissenschaft? Das wäre unendlich mehr als eine gerechtfertigte Kritik an einer offensichtlichen Fehlentwicklung und für heute äußerst relevant, ganz gleich was Goethes Zeitgenossen und ihre Nachfahren darüber dachten.

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass man diese Frage in letzter Konsequenz verneinen muss, und werde im Folgenden versuchen zu erläutern, welche Selbstbeschränkung in Goethes Forschungsmethode für diese negative Antwort verantwortlich ist.


4. Kepler, die Beruhigung beim Urphänomen und nochmals Schillers Warnung

Dazu werde ich Schillers freundliche Warnung nochmals aufgreifen, und zwar vor dem Hintergrund einiger Gedanken von Johannes Kepler, des großen Naturforschers, dem Begründer der modernen Astrophysik. In seinem Hauptwerk Die Weltharmonie beschäftigt sich Kepler in der Vorrede zum IV. Buch damit, wie die Harmonie überhaupt erfahrbar und wissbar sein kann. Er sagt:

„Wenn wir es aber nun als unsere Aufgabe betrachten, die Harmonien in der Natur und in den Bewegungen des Himmels aufzudecken, so denkt die Masse der Philosophen sogleich bei der ersten Erwähnung der Harmonie an eine tönende, für das Ohr wahrnehmbare Musik der Gestirne... (und sucht) nach Gründen... warum die himmlische Musik auf Erden nicht gehört werden kann.“

Stattdessen müsse man, sagt Kepler, mit der Frage beginnen: „Zu welcher Gattung von Dingen ist die Natur oder das Wesen des Harmonischen sowie das Wissen darum zu rechnen?“ Im ersten Kapitel des IV. Buchs erklärt er dann, dass man „unterscheiden muss zwischen der sinnlichen oder der ihr analogen Harmonie und der von allem Sinnlichen losgelösten und reinen Harmonie.“ Denn man „sieht leicht ein, dass man die Natur der Harmonie nicht allein durch die sinnlichen Dinge, z.B. durch Töne oder Gestirnstrahlen, definieren darf. Denn etwas anderes ist der Ton, etwas anderes die bestimmte Ordnung verschiedener Töne... Es können also verschiedene Töne existieren; wenn aber zwischen ihnen nicht eine bestimmte Ordnung besteht, wie sie durch bestimmte Proportionen, also durch etwas Mathematisches, definiert wird, wird zwischen den Tönen keine Harmonie bestehen... Die Ordnung geht also gleichen Schritts mit den Quantitäten und im Besonderen mit der Zahl einher... Daher ist die Zahl in materieller Hinsicht in den Din- gen nichts als diese selbst, wenn nicht der zählende Verstand hinzukommt. Dadurch erst wird die Zahl... der Begriff der Vielheit von Einzeldingen. In gleicher Weise ist auch die Ordnung der Töne und der anderen Sinnendinge, von denen wir hier handeln, nicht etwas anderes als die Mehrzahl der Töne, wenn nicht der Verstand hinzutritt, der der Höhe nach verschiedene Töne miteinander vergleicht.“

Bevor also der sinnlichen Erfahrung harmonischer Gesetze überhaupt möglich ist, muss zuerst im Geist eine innere Harmonie etabliert sein, weil sonst nur ein chaotisches Gewirr von Sinneseindrücken wahrgenommen würde.

In seiner Schrift „Tertius Interveniens“ beschreibt Kepler den Erkenntnisprozess noch deutlicher:

„Das Geschöpf ahmt in seiner Tätigkeit, unbewusst oder bewusst, instinktiv oder verstandesgemäß, den Schöpfer nach, die Erde in der Bildung der Kristalle, die Pflanze mit ihrem formierenden Vermögen im Bau und in der Anordnung ihrer Blätter und Blüten, der Mensch in seiner gestaltenden Tätigkeit. Und all dieses Tun ist wie das Spiel eines Kindes, ohne Absicht, ohne Zweck, aus einem inneren Drang, aus der Freude am Gestalten heraus, daß das Auge sich ergötzt an dem, was da entsteht, und der betrachten- de Geist sich selbes wiederfindet und erkennt in dem, was er geschaffen. Wie Gott der Schöpfer gespielet, also hat er auch die Natur als sein Ebenbild gelernt zu spielen, und zwar eben das Spiel, das er ihr vorgespielt.“

Und schließlich folgendes, was bezüglich Goethes Aussagen in der Farbenlehre besonders relevant ist:

„Wenn der Geist nie eines Auges teilhaftig gewesen wäre, so würde er sich zum Begreifen der außer ihm gelegenen Dinge das Auge fordern und die ihm selbst entnommenen Gesetze zu dessen Bildung vorschreiben (falls er rein und gesund und ohne Hindernisse, d.h. wenn er nur das ist, was er ist). Denn das dem Geist angeborene Erkennen der Quantitäten gibt an, wie das Auge sein muss, und daher ist das Auge so beschaffen, weil der Geist so beschaffen ist, nicht umgekehrt. Doch wozu viele Worte? Die Geometrie, vor der Entstehung der Dinge von Ewigkeit her zum göttlichen Geist gehörig, Gott selbst (denn was ist in Gott, das nicht Gott selbst wäre), hat Gott die Urbilder für die Erschaffung der Welt geliefert, und mit dem Bild Gottes ist sie in den Menschen übergegangen, also nicht erst durch die Augen in das Innere aufgenommen worden.“ [18]

Es ist, als ob Kepler Goethe hiermit zurufe: Es ist nicht das physikalische Licht allein, welches sich das Auge schafft und erklären kann, warum das Auge, so wie es ist, funktioniert; man darf das „geistige“ Licht nicht unter den Scheffel stellen! „Denn das dem Geist angeborene Erkennen der Quantitäten gibt an, wie das Auge sein muss.“ Für die Erkenntnis der Urbilder der Schöpfung, „die Gott in den Menschen übergehen“, ist bei Kepler der schöpferisch spielende Geist das wesentliche.

Das ist eine ganz entscheidende Akzentverschiebung. Währende Goethe die Erkenntnisfähigkeit primär immer von der sinnlichen Wahrnehmung, die er als gegeben voraussetzt, ausgeht, fragt sich Kepler, wie überhaupt sinnliche Wahrnehmung möglich sei, und er kommt zu dem Schluss, dass erst durch den frei spielenden Schöpfergeist, der aus sich „von innen“ heraus Harmoniebegriffe entwickelt, die Harmonie in der Natur wahrnehmen kann.[19]

Das ist genau der Punkt, den Schiller in seiner freundschaftlichen Warnung als Antwort auf die Schrift „Der Versuch als Vermittler“ Goethe zu bedenken gibt, nämlich dass man „die Denkkräfte durch das Objekt“ nicht „zu sehr einschränken“ darf. Denn „sobald man die Freiheit der theoretischen Vermögen begünstiget, so kann es nicht fehlen, und die Erfahrung lehrt es, dass die Mannigfaltigkeit der Vorstellungsarten, wodurch sie sich wechselweise einschränken und öfter aufheben, den Schaden gut macht, den der Despotismus einer einzigen stiftet.“

Die mangelnde „Freiheit der theoretischen Vermögen“ führt letztendlich zur Stagnation. Für Goethe tritt diese bei seiner „Beruhigung im Urphänomen“ ein: Ist das Urphänomen erst „gefunden“, so ist eine „Grenze“ erreicht und der Forscher soll nicht weiterfragen. Aber wurde es denn wirklich nur gefunden? Wurde es nicht durch die menschliche Vernunft erst geschaffen? In der Farbenlehre geht Goethe bezüglich der Endgültigkeit des Urphänomens tatsächlich soweit zu sagen:

„Wäre denn aber auch ein solches Urphänomen gefunden, so bleibt immer noch das Übel, dass man es nicht als ein solches anerkennen will, dass man hinter ihm und über ihm noch etwas Weiteres aufsuchen, da wir doch hier die Grenze des Schauens eingestehen sollten. Der Naturforscher lasse die Urphänomene in ihrer ewigen Ruhe und Herrlichkeit dastehen; der Philosoph nehme sie in seine Region auf, er wird finden, dass ihm nicht in einzelnen Fällen, allgemeinen Rubriken, Meinungen und Hypothesen, sondern im Grund- und Urphänomen ein würdiger Stoff zu weiterer Behandlung und Bearbeitung überliefert werde.“

Mit welchem Recht kann Goethe das fordern? Wieso soll ich das Urphänomen, welches sich, zugegebenermaßen durch eine sehr ernsthafte Beschäftigung und geniale Auffassungsgabe im Kopfe des Menschen Goethe herausgebildet hat, beruhigen und es in „ewiger Ruhe und Herrlichkeit dastehen“ lassen? Nirgends liefert Goethe eine nachvollziehbare Begründung dafür, und das ist auch ganz unmöglich. Denn jedes Geschöpf hat „als Gottes Ebenbild gelernt zu spielen, und zwar eben das Spiel, das er ihr vorgespielt.“ Das geht mit der von Schiller angemahnten „Freiheit der theoretischen Vermögen“ unbegrenzt weiter.

Ganz offenbar wird die fatale Konsequenz der Selbstbeschränkung auf Goethes anschauendes Erkennen, wenn er in den Aphorismen sagt:

„Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genauste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und beweisen will.“

Geradezu paradox wird es, wenn Goethe, der von sich den Anspruch eines Universalisten hat, zu Eckermann sagt:

„Mit Astronomie habe ich mich nie beschäftigt, weil man hier schon zu Instrumenten, Berechnungen und Mechanik seine Zuflucht nehmen muss, die ein eigenes Leben erfordern und nicht meine Sache waren.“ [20]

Wie kann man das sagen, wenn es um die Erkenntnis der universellen Wahrheit geht? „Das ist nicht meine Sache!“ Gleichzeitig aber legt der gleiche Goethe durch sein praktisches Tun den Grundstein für die Entwicklung der Produktion optischer Gläser, welche in Jena später durch die Produktion astronomischer und optischer „Instrumente“ zu Weltruhm gelangen wird!

Um dieses Paradox zu ergründen, muss man Goethes Attacke auf die falsche „Objektivität“ der empiristischen Naturforschung tiefer verstehen, als er es wohl selbst getan hat. Die Subjektivität der Wissenschaft ist eben nicht allein auf die „subjektiv-sinnliche“ Erfahrung der Welt gegründet, sondern sie bedeutet vor allem die „subjektiv-kreativ-produktive“ Veränderung der Welt durch den Menschen. Der Mensch gewinnt nicht nur betrachtend Phänomene der Natur, sondern durch seine subjektive schöpferische Leistungen, die über alle aus der Natur durch Anschauung gewonnene Phänomene hinaus subjektiv völlig Neues erzeugen können, gestaltet und entwickelt er die Natur. Er schaff z.B. Zustände der Materie, die es zuvor nie gegeben hat, und ohne sein Zutun vielleicht nie geben würde. Das gerade nicht, dass er die Natur mit seiner Technik zerstört, weil er ja bei seinem Tun, wenn er wirklich schöpferisch handelt, „dasselbe Spiel wie der Schöpfer spielen“ muss.

Der Naturforscher Wladimir Wernadski sah genau darin als die entscheidende Frage der Wissenschaft, er sagte: „Menschliches Denken hat den Trend der Naturprozesse in einer jähen Weise verändert und hat sogar das verändert, was wir Naturgesetze nennen.“ Darin, in dieser physikalischen Wirkung individueller schöpferischer Denkakte, liegt die wirkliche „Subjektivität“ der Naturwissenschaft, welche nicht beim geschauten Urbild stehen bleiben kann.


5. Schlussbemerkung

Geradezu tragisch ist es, wenn man das bittere Zitat, das der vereinsamte alte Goethe der Newton-Schule entgegenschleuderte, er sei der „Einzige“, der in der Farbenlehre das „Rechte“ wisse, vor dem Hintergrund der Geschichte sieht vor dem Hintergrund der weiteren Entwicklung der Optik sieh. Während Goethe dieses trotzige „ich bin der Einzige“ sagte, hatte die Newtonsche Optik in Wirklichkeit schon durch die Arbeiten des jungen Augustin Jean Fresnel den Todesstoß erhalten. Aber Goethe konnte diesen Sieg über seinen „Erzfeind“ nicht erkennen. Johann Salomo Christoph Scheigger, der einzige Naturwissenschaftler, der sich überhaupt noch mit Goethe über Fragen der Optik unterhielt, erkannte die Bedeutung der Fresnelschen Arbeiten nicht, sondern sah in Fresnels „Prinzipien der Interferenz“ fälschlicherweise nichts anderes als Goethes „Prinzipien des Schattenden“.

Goethe erzielte für die Naturwissenschaft in einzelnen Feldern wesentliche Fortschritte, vor allem in der Biologie. Er hat neue fruchtbare Methoden eingeführt, er hatte — soweit er sie trieb — mit seiner Kritik der dominanten Newtonschen empiristischen Dogmatik Recht. Man tut ihm jedoch keinen Gefallen, wenn man ihn heute zum Stammvater einer romantischen Naturbetrachtung zu machen versucht. Ich habe versucht, mich ehrlich mit seinen Forschungen und Ansichten auseinanderzusetzen, und hoffe sehr, dass ich dabei diesem großen Mann gerecht wurde.

Anmerkungen

1. ^ Max Webers Aufsatz „Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie“. Darin charakterisiert er die Naturwissenschaft durch Reduktion auf „exakt messbare Quantitäten“, wodurch diese auf „potentielle Urteile von genereller Gültigkeit“ komme. Die Geisteswissenschaften konzentrierten sich hingegen auf die „qualitativ-charakteristische Einmaligkeit“ der Dinge und führten zum „individuellen Dingbegriff von historischer Bedeutung“. In unserem Jahrhundert wurde dieser Graben zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft sogar zum Unterschied zweier verschiedener Kulturen ausgeweitet, wie es Charles Percy Snow in dem Aufsatz „Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz“ behauptet.

2. ^ Gemeint sind Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“.

3. ^ Emil Du Bois-Reymond, der in seinen „Welträtseln“ die prinzipielle Beschränktheit des menschlichen Geistes behauptete, brachte Goethes Forschungsmethode offensichtlich so zur Weißglut, dass er seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Berlin (1882) den Titel „Goethe und kein Ende“ gab, die er mit folgender Tirade gegen Goethe abschloss: „(Goethe) verschwindet... neben dem Dichter als Naturforscher“, und empfahl, „man sollte letzteren endlich ruhen lassen, anstatt ihn immer wieder der urteilslosen Menge übertrieben anzupreisen und die Gegenrede mehr kritisch gestimmter herauszufordern... Vom Darwinismus, der durch die Urzeugung an die Kant-Laplacesche Theorie grenzt, von der Entstehung des Menschen aus dem Chaos durch das von Ewigkeit zu Ewigkeit mathematisch bestimmte Spiel der Atome,.. hätte Goethe sich schaudernd abgewandt.“

4. ^ Zitat nach Rudolf Virchow, „Göthe als Naturforscher und in besonderer Beziehung auf Schiller“, 1861. Seite 43, dort Fußnote 1: „Wie hatte sich Göthe verändert, als er später seine Forschungen nach dem thierischen Typus schilderte: ,Ich trachte das Urthier zu finden, das heißt denn doch zuletzt: den Begriff, die Idee des Thieres’“ (sämtl. Werke Bd. 36, S.14).

5. ^ Eine schöne Beschreibung dieser Denkweise, welche nicht nur das Objekt betrachtet, sondern gleichzeitig das denkende Subjekt, findet sich in dem Vorwort (1. Ausgabe 1810) zur Farbenlehre. Dort schreibt Goethe: „Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, dass wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses aber mit Bewusstsein, mit Selbsterkenntnis, mit Freiheit und, um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.“ Aber in der „exakten“ Naturwissenschaft von heute hat „Ironie“, also etwas Ambivalentes, gar nichts zu suchen.

6. ^ Ursprünglich wurde dieser Text sogar Goethe selbst zugeschrieben. Er stammt aber von Johann Georg Tobler, mit dem Goethe damals eng zusammenarbeitete.

7. ^ Man vergleiche das mit Schillers Gedicht „Der Tanz“.

8. ^ Siehe den Brief Schillers an Körner, Jena, den 8. Febr. 1793.

9. ^ Alexander von Humboldt schrieb belustigt an Karl Ludwig Michelet, als er mit Goethe und Schiller zusammen in Jena lebte, er gehöre „zu dem Pöbel“ der zunftgemäßen Physiker, die nicht von Goethes Farbenlehre überzeugt seien. Humboldt fährt fort: „Diesen meinen Unglauben habe ich dem großen Manne oftmals und sehr frei geäußert, ein Unglaube, der sich auf seine geologischen und meteorologischen Phantasien ausdehnte.“ In der Öffentlichkeit verhielt sich Humboldt jedoch anders, was ein Brief an Gottschalk Eduard Guhrauer verdeutlicht: „Da ich mir zum unverbrüchlichen Gesetz gemacht habe, nie ein unfreundliches Wort über Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen, da ich deshalb z.B. der Farbenlehre nie erwähnte, so darf ich wohl die Bitte hinzufügen, meinen Namen in diesen von den Naturphilosophen verheerten, aber noch nicht aufgegebenen Gebieten nicht zu nennen.“

10. ^ Gemeint ist Jakob Böhme.

11. ^ Leonardo da Vinci, den Goethe sehr gründlich studierte, sagt in seinen „Abhandlungen über Malerei“ folgendes: „Hier, genau hier im Auge, hier bildet sich, hier färbt sich der Charakter jedes Teils und alle Dinge des Universums sind in einem einzigen Punkt konzentriert. Wie wunderbar ist dieser Punkt!... In diesem kleinen Raum kann das gesamte Universum reproduziert und in seiner ganzen Großartigkeit neu angeordnet werden!“

12. ^ Für die spätere Diskussion ist interessant, in welcher Weise Goethe bezüglich der tätigen Teilnahme des Auges am Prozess des Sehens Johannes Kepler zitiert. Er sagt, auch Kepler stelle sich die Frage, „ob in der Reaktion der Netzhaut der Grund für die Ausweitung der hellen Bildgestalt liege oder im Geist des Menschen.“ Goethe fährt unvermittelt fort: „Wie dem auch sei...“, weil für ihn selbst die Frage im Grunde schon entschieden ist: das Licht versetzt das Sinnesorgan in Tätigkeit und erzeugt die Ausweitung des Bildes. Für Kepler ist es hingegen eine noch zu klärende Frage, inwieweit das Organ und der Geist aktiv ist.

13. ^ Eigentlich müsste nach seiner Theorie dann auf Bergen der Himmel (wegen der geringeren Trübe) violett werden, was aber nicht der Fall ist.

14. ^ Johann Marcus Marci von Kronland (*1595,21667). In seinem 1648 veröffentlichten Buch „Thaumantis liber de arcus coelesti degue collorum apparentum natura ortu et causis“ (Das Buch von Thaumas handelt vom Himmelsbogen und der Natur der Farben, die erscheinen und auch über ihren Ursprung und ihre Ursachen) definiert Marci die geometrischen und physikalischen Bedingungen, welche für die Entstehung des Regenbogens notwendig sind. Eine Generation vor Newton beschreibt er, wie die Regenbogenfarben durch einen Lichtstrahl erzeugt werden, welcher durch ein Prisma fällt. Er beschreibt auch die Diffraktion von Licht an einem dünnen Draht und der Klinge eines Messers, sowie die Farben der Seifenblasen und des Regenbogens. Alle diese Erscheinungen beschreibt er als Folge der Diffraktion und Reflexion des Lichtes. Newton erwähnt Marcus Marci nicht, obwohl er ihn als Schüler Kirchers gekannt haben muss und wahrscheinlich auch durch die Arbeiten von Descartes, denn Franz Martin Petzel schrieb 1773: „Alle diese (rechtschaffenden Gelehrten in Böhmen und Mähren) aber übertraf unser Marcus Marci, dessen philosophische Erfindungen und durchdringender Scharfsinn den Entdeckungen der neueren und älteren Philosophen gleich kommt. Mehrere behaupten sogar, Carthesius sei durch unsers Marcus Schriften und Beobachtungen veranlasset worden, sein System zu erbauen und habe zu dessen Ausführung nicht wenig daraus entlehnt, welches man bei sorgfältigen Vergleichungen der Werke der beiden gelehrten Männer leicht wahrnehmen kann.“

15. ^ Das im Faust vom Teufel gepriesene „Collegium Logicum“, wo der „Geist dressiert“ und „in spansche Stiefel eingeschnürt“ wird, „dass er bedächtiger fortan, hinschleiche die Gedankenbahn“.

16. ^ Newton hielt das später, nachdem sich die Leibnizsche neue Mathematik allgemein durchgesetzt hatte, jedoch nicht davon ab, eine Kampagne gegen Leibniz zu führen, mit der er die Priorität bei der Erfindung der Infinitesimalrechnung behauptet.

17. ^ Zur „musikalisch-kosmologischen Spekulation“ Newtons siehe „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“, Bärenreiterverlag 1954, Sp. 1812ff.

Der „katholische“ Jesuit Athanasius Kircher (*1602, +1680) und der „protestantische“ Rosenkreuzer (die wie Luther im Wappen die Rose und das Kreuz trugen) Robert Fludd sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Entscheidend für die Karriere Kirchers ist, dass er in Aix in den Kreis um Nicholas Claude Fabrie de Peiresc kommt. Peiresc selbst war, wie auch Galileo Galilei, seit 1599 Zögling Pinellis im Studio de Padua. Peiresc erkannte Kirchers „phantastisches“ Talent, mit alten und „geheimen“ Schriften umzugehen, und er sorgte über seine Verbindungen zu Papst Urban VIII. und Kardinal Barberini dafür, dass Kircher 1633 an die Jesuitenuniversität in Rom (Collegio Romano) berufen wurde. Dort „entzifferte“ er angeblich die Hieroglyphen der alten Ägypter, er fand neben vielen ägyptischen Weisheiten, Teilen der Phoenizischen Theologie und der Chaldäischen Astrologie Aussagen der Kabbala, persischen Magie usw. Und so ist es nicht überraschend, das Kircher auch in dem Mitte des 17. Jahrhunderts entstandenen Werk „Oedipus Aegyptiacus“ dem theosophischen System Zoroasters (Zarathustra) die Hälfte seiner Seiten widmet. Als schließlich Champollion im 19. Jahrhundert mit Hilfe des Steins von Rosette tatsächlich die Übersetzung der Hieroglyphen gelang, wurde offensichtlich, dass Kircher außer dem Zeichen für „Wasser“ nichts Richtiges geliefert hatte. Seine ganze „Wissenschaft“ war ein einziger Betrug.

Ein anderer schlimmer Betrug an der Wissenschaft war Kirchers verfälschende Darstellung von Johannes Keplers Werk. Kepler machte in seinen Werken zur Beschreibung der astrophysikalischen Vorgänge wiederholt von der „magnetischen“ Wirkung, welche Gilbert gerade erforscht hatte, metaphorischen Gebrauch. Immer wieder spricht Kepler von einer dem Magneten „ähnlichen“ Wirkung. Außerdem kennt er die gegenseitige Anziehung der Körper durch Gravitationswirkung und beschreibt in diesem Zusammenhang das Phänomen, welches wir heute als Wirkung der Massenträgheit bezeichnen. Der metaphorische Gebrauch der magnetischen Wirkung bei Kepler ist daher ganz unmissverständlich die Beschreibung einer Rotationswirkung, für die er noch keine genauere Erklärung hat, die gerade nicht völlig identisch mit der Magnetwirkung ist, wie sie von Gilbert beschrieben ist. Kircher behauptet nun aber, Kepler meine genau die Gilbertsche Magnetkraft, und entwickelt daraus Widersprüche, welche „beweisen“ sollen, dass Keplers Physik falsch sei. Kirchers Verdrehung war erfolgreich, dass sich ein halbes Jahrhundert später Newton als „Entdecker“ der Graviation für seine Himmelsmechanik feiern lassen konnte, eine Erkenntnis, welche ihm angeblich durch den Fall eines Apfels gekommen sei.

18. ^ Zitiert nach der Biographie „Johannes Kepler“ von Max Caspar, 1948, Seite 320.

19. ^ Kepler lässt dabei durchaus offen, dass es verschiedene innere Harmonien geben kann.

20. ^ Zitiert nach Rudolf Virchow, a.a.O., Seite 21.