Kinder


Sage mir, wie du spielst und ich sage dir, was du bist!

Es wird oft behauptet, die Computerrevolution mache bald die menschliche Arbeitskraft völlig überflüssig und der Mensch werde sein Leben bald nur noch in Freizeit, Cyberspace und Spiel verbringen. Ja, eigentlich sei dieses die wesentliche Bestimmung des Menschen und er sei kein "Handwerker" (kein "homo faber") mehr, sonder nur noch ein "Spieler" (ein "homo ludens"). Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga schrieb 1938 ein Buch mit dem Titel "HOMO LUDENS - Vom Ursprung der Kultur im Spiel", welches in diesem Zusammenhang oft zitiert wird. Die folgende kurze Betrachtung zu diesem Buch zeigt, dass das menschliche Wesen wohl auch weiterhin am treffendsten mit "homo sapiens" - das heißt: Mensch, der durch schöpferische Wissenschaft die Welt umgestaltet - beschrieben ist.

Johan Huizinga schieb am 15.6.1938 in der Einleitung (Seite 7) zu seinem Buch "HOMO LUDENS - Vom Ursprung der Kultur im Spiel" folgendes: "Es war mir darum zu tun... den Begriff Spiel,.. in den Begriff Kultur einzugliedern." und die erst drei Sätze (Seite 9) des Buches lauten: "Spiel ist älter als Kultur; denn so ungenügend der Begriff Kultur begrenzt sein mag, er setzt doch auf jeden Fall eine menschliche Gesellschaft voraus, und die Tiere haben nicht auf die Menschen gewartet, dass diese sie erst das Spielen lernten. Ja man kann ruhig sagen, dass die menschliche Gesittung dem allgemeinen Begriff des Spiels kein wesentliches Kennzeichen hinzugefügt hat. Tiere spielen genauso wie Menschen. Alle Grundzüge des Spiels sind schon im Spiel der Tiere verwirklicht."

Hier tritt gleich das wesentliche Problem des Buches zutage. Die Behauptung "alle Grundzüge des Spiels sind schon im Spiel der Tiere verwirklicht" stimmt nicht und kann, wie sich zeigen wird, von Huizinga nur aufrecht erhalten werden, indem er den Begriff "Spiel" formal so definiert, das der den Unterschied zwischen menschlichem Spiel und Tierspiel verdeckt.

Es stimmt! Tiere spielen und auch der Mensch spielt. Aber ihr Spielen hat eine völlig andere Qualität. Diese andere Qualität des Spiels reflektiert gerade den Unterschied zwischen Mensch und Tier, zwischen menschlicher Gesellschaft und Tierrudel, zwischen der Stellung des Menschen zum Universum und dem Verhältnis der Tiers zu seiner Umwelt.

Interessanterweise behandelt Huizinga in seinem ganzen Buch, obwohl er eine Vielzahl an Beispielen für spielende Tiere und spielende Menschen anführt, kein einziges Mal das Spiel zwischen Mensch und Tier. Aber genau dann, wenn der Mensch mit dem Tier spielt, erfährt er - und wahrscheinlich auch das Tier- die unterschiedliche Qualität des Spiels von Mensch und Tier.

Um diesen Unterschied unmittelbar anhand Huizingas Definition es Spiels zu verdeutlichen, zitiere ich, wie er den "Begriff Spiel" (Seite 37) definiert: "Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des 'Andersseins' als das 'gewöhnliche Leben'."

Der Mensch kann bewusst aus dem "gewöhnlichen Leben" heraustreten, es fragt sich jedoch, ob ein Tier, beim Spielen ein "Bewusstsein" darüber haben kann, dass es nun etwas "anderes" tut, als im "normalen Leben." Wahrscheinlich langt es dem Tier, ganz ohne Bewusstsein, zu spielen - wenn es nicht gerade schläft, döst, jagt, frisst oder sich fortpflanzt. Huizingas behauptet, seine Definition des Spiels gelte für Mensch und Tier gleichermaßen. In der Realität ist das jedoch nicht so. Der entscheidende Punkt, an dem der qualitative Unterschied zwischen Menschenspiel und Tierspiel sofort offenbar wird, ist, dass spielen "nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln" erfolgt. Denn im Gegensatz zum Tier macht der Mensch die Spielregeln selbst und verändert sie, obwohl sie im Verlauf des jeweiligen Spiels momentan "unbedingt bindend" sind.

Spielen nach den immer gleichen Regeln ist langweilig. Ein großer Teil des Kinderspiels besteht darin, neue Regeln "auszuhandeln", oder von einem Spiel zum anderen zu wechseln, wenn es sich um "bekannte" Spiele handelt, deren Regel inzwischen erstarrt sind. Die Regeln eines Menschenspiels können sich vor Veränderung auf dauer nur retten, indem sie bei genialer Einfachheit eine schier unendliche Vielfalt von Spielverläufen zulassen, und damit der schöpferischen Spielfreude genügend Raum lassen, sich auszutoben.

Bei Tieren ist das anders. Tiere haben ein festes Repertoire an Spielregeln, die sie ganz genau einhalten. Die Katze jagt geradezu reflexartig einem Wollknäuel hinterher. Der Hund wird mit gleicher Freude das Stöckchen wieder- und wiederbringen. Zwischen beiden Spielen ist jedoch schon ein Unterschied, der ohne den Menschen nicht möglich wäre. Das Wollknäuel jagen erfolgt völlig nach Spielregeln des Katze, während der Hund das Söckchen bringen vom Menschen gelernt hat. Der Hund gibt das Stöckchen, die "Beute", die Belohnung seiner Jagd, nachdem er es demonstrativ bekaut hat, wieder her, weil er damit das Spiel mit dem Menschen, nach dessen Regeln, fortsetzen kann. Mit dem Menschen versucht das Tier, soweit es ihn "verstehen" kann, auf menschenart, d.h. nach neuen Regeln, zu spielen. Ganz offensichtlich wird dieses, wenn das Spiel zwischen Mensch und Tier so komplex wird, wie z.B. bei der "Hohen Schule" der Pferdedressur.

Völlig schief liegt Huizingas schließlich, wenn er versucht die menschliche Sprache, Recht, Wissenschaft, Liturgie und Religion, Dichtung und Drama sowie die bildende Kunst auf das von ihm definierte Spiel zurückzuführen. Ganz deutlich wird das, wenn er (Seite 184) bezogen auf die "bildende Kunst" Friedrich Schiller und dessen Konzept des "Spieltriebs" aus den "Ästhetischen Briefen" erwähnt.

"Ein Zusammenhang zwischen bildender Kunst und Spiel ist schon seit langer Zeit in der Form einer Theorie angenommen worden, die das Produzieren von Kunstformen aus dem angeborenen menschlichen Spieltrieb erklären wollte. (Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 14. Brief) Ein beinahe instinktives, spontanes Schmuckbedürfnis, das füglich eine Spielfunktion genannt werden darf, ist tatsächlich nicht weit zu suchen... Um die Kunst im Ganzen aus einem "Spieltrieb" ableiten zu können, würde man auch das Bauen und das Abbilden darunter bringen müssen. Die Höhlenmalereien der älteren Steinzeit ein Erzeugnis des Spieltriebs? Das wäre doch wohl ein kühner Sprung des Geistes. Und für das Bauen kann die Hypothese schon deshalb nicht stimmen, weil dort der ästhetische Impuls durchaus nicht der beherrschende ist, wie die Bauwerke der Bienen und der Biber beweisen." Wieder verbaut sich Huizingas den Blick durch sein eigenes Vorurteil, welches das Spiel als primär und bei Tier und Mensch identisch sieht. Natürlich ist das instinktmäßige, "planlose" Bauwerk der Bienen mit keinem menschlichen vergleichbar und deshalb auch nicht auf die identische Art des Spielens zurückzuführen.

Die Weise, wie Huizinga Schiller zitiert, lässt übrigens erkennen, dass er Schillers Aufsatz selbst nicht gelesen hat. Im 14. Brief sagt Schiller nämlich gar nichts, was sich auf "das Produzieren von Kunstformen" bezieht, insbesondere nicht auf die bildende Kunst, die Huizinga in diesem Kapitel behandelt.

Was Schiller in dem zitierten 14. Brief wirklich darstellt ist folgendes. In den Briefen davor hat er zwei wesentliche, sich scheinbar widersprechende Weisen dargestellt, in denen sich der Mensch zur Umwelt stellt. Erstens den "Stofftrieb", der ihn veranlasst die Umwelt in sich sinnlich aufzunehmen. dieser Trieb will "sein Objekt empfangen", und zweitens den "Formtrieb", der den Menschen veranlasst seine eigenen Ideen in die Welt hineinzutragen, und diese danach zu ordnen und zu gestalten, dieser Trieb "will sein Objekt gestalten" (und, so sei mit Blick auf Huizinga angemerkt, erfordert eine geistige Fähigkeit, die kein Tier hat). Der Mensch scheint nun zwischen diesen beiden "Trieben" hin- und hergerissen und deshalb in seinem Handeln und Denken unfrei zu sein. (Wieder mit Blick auf Huizinga: Das Tier kennt diese Art der "Unfreiheit" nicht, da es den Formtrieb nicht kennt.) Es ist nun das, was Schiller den "Spieltrieb" nennt, welcher es dem Menschen erlaubt, frei zu handeln, indem nämlich der "spielende" Mensch die Umwelt so in seinen Sinnen empfängt, wie er sie selbst hervorgebracht haben möchte, und (in der Wissenschaft, Technik und Kunst) so hervorbringt, wie er sie mit den Sinnen zu empfangen trachtet.

Schiller beschreibt in einem kleinen Aufsatz mit dem Titel "Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der Mosaischen Urkunde" sehr schön und deutlich wieso der "Spieltrieb" des Menschen qualitativ über das Spiel des Tieres hinausgehen muss.

Schiller sagt: "An dem Leitbande des Instinkts, woran sie noch jetzt das vernunftlose Tier leitet, musste die Vorsehung den Menschen in das Leben einführen und, da seine Vernunft noch unentwickelt war, gleich einer wachsamen Amme hinter ihm stehen... Setzen wir also, die Vorsehung wäre auf dieser Stufe mit ihm stillgestanden, so wäre aus dem Menschen das glücklichste und geistreichste Tier geworden... Aber der Mensch war zu ganz etwas anderm bestimmt, und die Kräfte, die in ihm lagen, riefen ihn zu einer ganz andern Glückseligkeit. Was die Natur in seiner Wiegenzeit für ihn übernommen hatte, sollte er jetzt selbst für sich übernehmen, sobald er mündig war. Er selbst sollte der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden, und nur der Anteil, den er daran hätte, sollte den Grad dieser Glückseligkeit bestimmen...Sobald seine Vernunft ihre ersten Kräfte nur geprüft hatte, riss er selbst ab von dem leitenden Bande, und mit seiner noch schwachen Vernunft, von dem Instinkte nur von ferne begleitet, warf er sich in das wilde Spiel des Lebens, machte er sich auf den gefährlichen Weg zur moralischen Freiheit...Jetzt war er für das Paradies schon zu edel, und er kannte sich selbst nicht, wenn er im Drang der Not und unter der Last der Sorgen sich in dasselbe zurückwünschte. Ein innrer ungeduldiger Trieb, der erwachte Trieb seiner Selbsttätigkeit, hätte ihn bald in seiner müßigen Glückseligkeit verfolgt und ihm die Freuden verekelt, die er sich nicht selbst geschaffen hatte. Er würde das Paradies in eine Wildnis verwandelt und dann die Wildnis zum Paradies gemacht haben."

Von diesem höheren Standpunkt aus, erfasst Schiller den menschlichen Spieltrieb in der schöpferischen Aktivität des moralisch freien Menschen. Er definiert das Spiel in seiner höchsten Form. Von diesem Standpunkt herab ist dann einfach zu erkennen, welche Elemente des schöpferischen Spiels wir bereist im Kinderspiel und selbst beim Spiel der Tiere wiederfinden. Huizinga hingegen scheitert mit seinem Vorhaben, den "Begriff Spiel,.. in den Begriff Kultur einzugliedern", weil er mit einer formalen Definition beginnt , und gar nicht merkt, dass er ein Vorurteil - die Gleichsetzung von Spielen bei Mensch und Tier - mit sich herumschleppt, welches es ihm letztendlich ganz unmöglich macht, dass zu erkennen, "worum ihm zu tun" war; nämlich den "Begriff Spiel" wahrhaft "in den Begriff Kultur einzugliedern."

Ralf Schauerhammer


Anmerkungen:
1) Johan Huizinga: HOMO LUDENS - -Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Originalausgabe, 1938 (hier Zitiert nach rowohlts, ISBN 3499554356).
2) Um Schillers "Spieltrieb" recht zu verstehen, muss man die heute von der Freudschen Psychoanalyse geprägten Bedeutung des Wortes "Trieb" vergessen und wissen, dass Schiller das Wort "Trieb" im Leibnizschen Sinne denkt. Trieb ist danach die der Substanz innewohnenden, mit der Vernunft harmonierende, individuelle Tätigkeit, während der Freudsche "Trieb" im Widerspruch zur Vernunft steht.