Schüler heben versunkene Sprachschätze






Da passives Wehklagen über verlorene Schätze noch nie geholfen hat, konzipierte die Musikerin und Literaturwissenschaftlerin Dr. Katrin Bibiella ein Sprachprojekt, bei dem Schüler der Mittel- und Oberstufe als philologische Schatzgräber tätig wurden. Jeder Teilnehmer erhielt einen kleinen Forschungsauftrag: Aus einem exemplarischen Kunstwerk deutscher Sprache sollten zunächst ungebräuchliche, aus dem Wortschatz verschwundene Worte herausgesucht werden, und anschließend Worte, die „du besonders schön und poetisch˝ findest bzw. „die zu unserem Wortschatz gehören sollten˝. Und siehe da: die erste Gruppe der vergessenen Worte erwies sich in der Regel als Fundgrube für die zweite. In einem weiteren Schritt sollten die Schüler beeindruckende Satzgebilde sammeln, die „du herausschreiben würdest, um sie in besonderer Weise zu bewahren˝, oder sogar „auswendig lernen würdest, damit sie dich durch dein Leben begleiten˝. So entstand eine faszinierende Quellensammlung von einzigartiger Authentizität, ein Schatzkästlein all dessen, was diese 14-19-Jährigen schön und wertvoll finden, wonach sie offenbar hungern und das sie sich gerne zurückholen wollen.

Buchbesprechung von Gabriele Liebig

Keine Rezension kann die Lektüre dieser großartigen Studie ersetzen, das Ergebnis eines philologischen Experiments, dessen Idee, Planung und Durchführung Frau Dr. Bibiella am Anfang des Buches beschreibt. Die Idee war, der Verarmung unserer Sprache durch ein Projekt entgegenzuwirken, bei dem Schüler selbst die Erfahrung machen können, dass Sprache Reichtum ist und frei macht. Nachdem die Dr. Ing.-Hans-Joachim-Lenz-Stiftung ihre Unterstützung zusagte, konnte die Idee umgesetzt werden. Zuerst suchte Frau Dr. Bibiella nach geeigneten Schulen, die zur Mitarbeit bereit waren und Schüler/Innen ausfindig machten, die freiwillig neben der Schule an dem recht arbeitsintensiven Projekt teilnehmen wollten.

Dann folgte die Auswahl der Literatur: Es sollten exemplarische deutschsprachige Dichtungen der drei Hauptgattungen (Lyrik, Epos und Drama) sein, nicht älter als aus der Zeit des Barock bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein wichtiges Auswahlkriterium war: Alle Texte sollten sich „mit Genuss lesen lassen˝. Aus diesem Literaturkanon (Anhang 1) 28 beispielhafter Werke - von Gedichten des Andreas Gryphius bis zu Hermann Hesses Narziss und Goldmund - suchte jeder Teilnehmer sich eines aus, das ihm von der kurzen Beschreibung her am besten gefiel. In den drei Gruppen in Darmstadt, Weinheim und Oppenheim wurde die Aufgabenstellung (Anhang 2) besprochen. Außer dem Sammeln und Auflisten der Worte, Satzgebilde und Metaphern sollten in einem Erfahrungsbericht allgemeine Fragen zur Bedeutung der Sprache und auf den jeweiligen Text bezogene Fragen beantwortet werden. In einem dritten Teil wurden die jungen Sprachforscher ermuntert, ihre eigene Wortfantasie spielen zu lassen und selbst Attribute, also beschreibende Worte für den durchgearbeiteten Text zu finden. Für die ganze Arbeit, die neben der Schule zu erledigen war, hatten sie vier Monate Zeit und erhielten als Anerkennung von der Stiftung 80 Euro.

Während dieser Zeit fanden vier Arbeitstreffen statt. „Am Abgabetag nahm ich sechsunddreißig Berichte entgegen,˝ so schreibt Frau Dr. Bibiella, „denen bereits ihrem äußeren Erscheinungsbild nach der große Einsatz für das Projekt anzusehen war - Kostbarkeiten wurden überreicht.˝ Alle 36 Arbeiten, nachbereitet und kommentiert von Dr. Bibiella, finden Sie im vorliegenden Band. Die Dokumentation ist eine inspirierende Fundgrube für Lehrer, Eltern und Jugendliche, für Künstler, Sprachwissenschaftler und alle, die sich dem Kulturgut deutsche Sprache verpflichtet fühlen und Anregungen zur Neugestaltung des Lehrens und Lernens suchen.

Vergessenes wieder hervorgeholt


Dreh- und Angelpunkt des Projekts sollte das Wort sein, so Dr. Bibiella: „Als Vergessenes muss es aus den jeweiligen Texten heraufbefördert werden.˝ Tatsächlich ist man zunächst bestürzt, welche Worte da als „ungebräuchlich und aus dem Wortschatz verschwunden˝ eingeordnet werden, so bei Gryphius z.B. Wonne, Grimm, nimmermehr; bei Hesse taumeln, unermüdlich, karg, mißgelaunt, ehrwürdig; oder bei Thomas Mann: lüstern, behend, kleidsam, liederlich - wobei wir hier nur ganz wenige Beispiele nennen können.

Doch nun kommt der nächste Schritt: Welche Worte finden diese 14-19-Jährigen „besonders schön und poetisch˝? Ich greife wiederum nur einige typische Schaustücke heraus: faule Welt, Seelen-Ruh, Augenlust (Gryphius); Äugelein, holdselig, huldreich (Heine); wehmütig, durchsonnte, Lustbarkeit (Stifter); infernalisch, Kastratenjahrhundert (Schiller); beklommen, Tändelei, Anmut (Hesse); seelenvoll, fernetönend (Hölderlin); Abendsonnenduft (Storm); salbungsvoll, Augensterne (Th. Mann)

Wieder zum allgemeinen Wortschatz gehören sollen z.B.: verlacht, erdacht, zartgesinnt, hold, Zierde, mannigfaltig, Geratewohl, töricht, unentbehrlich, umfriedet, Tausendkünstler, Zungenfertigkeit, schelten, wehklagen, fernab, Rosenhimmel, Hochmut, Demut, ehern, leutselig, Wohlwollen.

Der Lesegenuss wächst weiter, wenn wir zu den Satzgebilden und Sentenzen kommen, welche die jungen Leute sich als Begleiter durchs Leben herausschreiben oder auswendig lernen würden.

Aus Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen:
„Ich hörte einst von alten Zeiten reden˝
„Iss und trink, dass du munter wirst˝
„Die Liebe ist stumm, nur die Liebe kann für sie sprechen. Oder die Liebe ist selbst nichts, als die höchste Naturpoesie.˝

Aus Heines Harzreise:
„...und es hat doch gewiss eine Bedeutung, da die Deutschen die merkwürdige Gewohnheit haben, dass sie bei allem, was sie tun, sich auch etwas denken.˝
„Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die langen Mähnen flatterten im Winde.˝

Aus Schillers Räubern:
„Lern erst die Tiefe des Abgrunds kennen, eh du hineinspringst!˝

Aus Hesses Narziss und Goldmund:
„Ich habe viele Werke gemacht, die weit hinter deinem zurückblieben, nicht an Kunst und Sorgfalt, aber an Wahrheit.˝

Oder aus Thomas Manns Roman Königliche Hoheit:
„Des Lebens rauhe Problematik fand sie unvorbereitet!˝
„Weiß der gar nichts vom Leben, der von der Liebe weiß?˝

Was ist Sprache?


Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Frau Dr. Bibiellas Sprachbegeisterung die Jugendlichen auch beeinflusst hat, so staunt man dennoch, welche Perlen der Sprachphilosophie dieses Projekt in den Schülerarbeiten hervorgebracht hat.

„Was unterscheidet den Menschen so gewaltig vom Tiere?˝ schreibt Anita Klingler, „Richtig - die Sprache. Ohne sie wäre die Menschheit nie dazu fähig gewesen, die Weltkugel so zu gestalten, wie wir sie heute sehen, geschweige denn dazu, über den Erdball hinaus auf den Mond zu fliegen.˝

Weiter unten im gleichen Aufsatz lesen wir: „Sprache bedeutet Freiheit! Man betrachte doch nur einmal das Wort Poesie: lat. poesis, griech. poiesis = machen, erschaffen. Am Anfang war das Wort, es schuf alles, und jeder kann neue Worte schaffen. Worte lassen uns zu Schöpfern werden. Ohne Wörter gäbe es keine Möglichkeit, klare Beschreibungen von etwas abzugeben. Es gäbe keine Bücher, Gutenberg hätte den Buchdruck erst gar nicht erfinden müssen! Wie schade, dabei ist es doch so ein Vergnügen, ein Buch zu lesen."

Rosa Gruner bekennt, sie sei überwältigt gewesen von Else Lasker-Schülers Fähigkeit, Gefühle auszudrücken - „Gefühle die ich kenne, aber nicht in Worte fassen kann. Vielleicht schaffe ich das jetzt danach besser, aber bestimmt nicht so gut wie sie.˝

Schadi Ahmadi zitiert Novalis: „Die Sprache ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und Tönen. Wie der Mensch sie beherrscht, so möchte er gern die große Welt beherrschen und sich frei darin ausdrücken können... Das bloße Hören ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst... (der Dichter) gibt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen... Man hört fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen.˝


Sprachverarmung heißt: Man versteht sich nicht mehr


Solches Verständnis, von dem Novalis schreibt, herrscht unter Menschen, die eingebettet in eine gemeinsame Kultur und Hochsprache miteinander kommunizieren. Genau diese gemeinsam Basis sehen die jungen Leute heute in Gefahr und verweisen auf die wachsende Kluft zwischen hochgestochenem Gerede, gespickt mit Fremdworten, auf der einen und SMS-Gestammel auf anderen Seite.

Martina Plank vermisst eine „allgemeine Ausdrucksweise, die sozusagen als Standard angesehen werden könnte, um die Kommunikation leichter zu gestalten. Stattdessen wird unser Leben durch Unverständnis geprägt... Das Fazit ist, dass wir irgendwann auf dem niedrigsten Niveau kommunizieren... Hier ist eine ähnliche Entwicklung wie in der Wirtschaft zu verfolgen, der ,Mittelstand' löst sich auf und die Kluft zwischen den übrigen ,Ständen' wird größer. Also spricht man entweder auf dem höchsten oder auf dem niedrigsten Niveau."

Jasmin Merz stellt fest: "Es zeugt von Intelligenz, wenn man sich angemessen ausdrücken kann. Manch einer könnte es zwar, traut sich aber nicht, sich so auszudrücken, weil er nicht als ,uncool'gelten will. Aber irgendwann verlernt man es, sich so auszudrücken."

Am direktesten formuliert Jana Luhn das Problem. Den wenigsten Menschen sei klar, "dass wir bereits dabei sind, unsere Sprache zu verlieren. Im Alltag fällt es kaum auf, es ist normal geworden, aber wenn ich darauf achte, wie die Leute um mich herum sprechen, weiß ich, dass diese Behauptung von mir gerechtfertigt ist. Die Sprache ,geht den Bach runter' und der Unterschied zwischen Menschen und Tieren - ich bitte um Verzeihung - scheint, was die Sprache anbelangt, immer kleiner zu werden. Die Sprache ermöglicht uns erst, unsere Gedanken, Gefühle und Empfindungen auszudrücken, doch kaum einer nutzt diese Fähigkeit wirklich aus. Wenn man genau darauf achtet, denken wir in Sprache, unsere Gedanken sind Sprache!"

Aktiv und schöpferisch an das Problem herangehen


Ob die poetische Sprache ihr eigenes Sprechen beeinflusst habe, werden die Volontärphilologen gefragt, und ob sie sich vorstellen können, das eine solche Sprache in unseren zwischenmenschlichen Umgang wieder Einzug hielte. Die meisten sind skeptisch, ob die poetische Sprache sich in der heutigen Welt verwirklichen lässt, selbst wenn sie darin eine Bereicherung sähen. Manche warnen auch vor einem manipulativen Missbrauch der Sprache und plädieren für eine strikte Trennung zwischen Alltags- und Kunstsprache. Andere halten es für sinnlos, passiv auf die Rückkehr der Schönheit in die Welt zu warten, da müsse man schon selbst etwas tun. So berichtet Schadi Ahmadi: „Es ist teilweise sehr witzig, auf die Reaktionen meiner Mitmenschen zu achten, wenn ich meinen neu erlernten Wortschatz auspacke und zu sprechen anfange. Wer weiß, vielleicht kann man die Leute mit solchen Aktionen für diese Sprache begeistern und sie dazu bringen, bewusst zu sprechen."

Jana Luhn meint: „Vielleicht würde unser Geist sogar einen viel größeren Spielraum bekommen, wenn wir unser Sprachbild durch Poesie erweitern würden˝, denn Poesie bedeute schließlich „schöpferisch tätig sein˝. Eine andere Teilnehmerin schreibt: „Außerdem wäre das Philosophieren im Alltag möglich und zwar in ganz zufälligen Unterhaltungen, da durch das Aufkommen von ausgefallenen Worten auch ausgefallene Gedankengänge angeregt würden.˝

Friedemann Rimbach-Sator warnt davor, sich im Äußerlichen zu verlieren: „Wer also wirklich das Sprechen verändern will, muss sich verändern - im besten Falle würde er sonst eine Maske erschaffen, worunter es noch genauso weitergeht, wie seit jeher.˝

Sprachmusik und andere Lustbarkeiten


Dr. Bibiella, von Hause aus Musikerin, ließ die jungen Sprachforscher gewiss nicht zufällig nach Worten nach Satzgebilden und Metaphern Ausschau halten, deren Klang sie beeindruckt und die sie zum Vortragen oder Vorlesen empfehlen würden, „um die Sprache zu hören und (zusammen mit anderen) die Lust an ihrem Klang zu genießen.

Wir lesen all diese wunderbaren Worte und erfahren noch mehr: Alexandra Schmitterer las ihren Freunden Gedichte aus Des Knaben Wunderhorn von Arnim und Brentano vor. Und Rosa Gruner hat die Gedichte von Else Lasker-Schüler als Musik, als Lieder vernommen: „Ich habe sogar manchmal schon eine Melodie in meinem Kopf gehört.˝

Was liegt näher als der Wunsch, diese Gedichte aus dem Munde derer, die sich so lange und so begeistert damit befasst haben, nun auch zu hören? Wie der Webseite der Lenz-Stiftung zu entnehmen ist, wird das hier beschriebene Projekt an Gymnasien in Weimar, Heidelberg, Aschaffenburg und Bruchsal fortgesetzt. Wäre nicht als weiterführendes Anschlussprojekt eine Art Jugend-Dichterfestival denkbar, bei dem die Teilnehmer des Projekts jeweils ein Lieblingsgedicht in Gänze, oder eine besonders schöne Romanstelle oder einen Monolog aus „ihrem˝ Drama vortragen und dazu in ein bis zwei Sätzen erläutern, warum sie gerade dieses Gedicht oder diesen Ausschnitt gewählt haben? Dazwischen könnte geeignete Musik erklingen, vielleicht auch von Schülern aufgeführt.

Natürlich könnte man diese Sprachlustbarkeit auch mit einem anderen Literaturkanon und neuen Teilnehmern veranstalten, aber doch mit der gleichen Idee, andere dadurch zu motivieren, ebenfalls in die deutsche Sprach(unter)welt einzutauchen und weitere versunkene Schätze für die Gegenwart neu zu entdecken. -

Übrigens haben sich viele Teilnehmer im dritten Teil ihrer Arbeit wirklich zu eigenen Wortschöpfungen anregen lassen. Und der Dichter Friedrich Hölderlin hat es geschafft, Dusan Gladovic zu einem hölderlinhaften Frühlingsgedicht zu inspirieren - nachzulesen im besprochenen Band auf Seite 217.


Die Rezensentin Gabriele Liebig ist Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins „Dichterpflänzchen˝-