Einer, der die Sprache wiederfand

Uwe Grefe war 34, als er eine massive Hirnblutung erlitt. Diagnose nach der Operation und fünf Tagen Koma: globale Aphasie und rechtsseitige spastische Lähmung von Arm und Bein. In dem Buch 3+4=8. Vergraben und verschüttet sind meine Worte schildert er selbst, wie er mit Unterstützung seiner Familie und in gemeinsamer Anstrengung mit Ärzten und Therapeuten nicht nur das Laufen, Sprechen, Schreiben, Rechnen usw. wieder erlernte, sondern auch einen neuen Platz im Leben fand.

Ehrlich gesagt bestellte ich das Buch wegen seines Untertitels: "Vergraben und verschüttet sind meine Worte". Er erinnerte mich an ein zuvor rezensiertes Buch, in dem es um den versunkenen Schatz so vieler schöner „vergessener Worte“ geht, die aus unserem heutigen Sprachgebrauch verschwunden sind. [1] Diese kollektive Sprachverarmung findet langsam, für viele kaum merklich, schrittweise statt; in Uwe Grefes Fall erleben wir den Sprachverlust dramatisch auf einen Menschen zugespitzt, nicht allmählich, Wort für Wort, sondern plötzlich und total: Als der 34jährige Maurermeister nach einer Massenblutung im Gehirn halbseitig gelähmt aus dem Koma erwacht, kann er kein Wort mehr sprechen, lesen oder schreiben - ein Zustand, der als globale Aphasie bezeichnet wird.

In seinem Buch beschreibt Uwe Grefe die fünf Jahre, in denen er wieder laufen und sprechen lernte. Sechs Wochen dauerte es bis zur ersten Silbe "aaaiii", fast zwei Monate bis zum ersten Wort. Und nun kann er uns anschaulich schildern, wie das damals 1989 war, als er gelähmt und völlig sprachlos war. Immerhin konnte er die anderen reden hören und großenteils auch verstehen, er konnte grübeln und weinen - aber auch sich freuen über seinen neugeborenen Sohn Kai-Uwe. Und er konnte wählen zwischen Aufgeben und Kämpfen. Nach ein paar Monaten schaffte er den ersten Satz: "Ich kann".

Während eine Sektion der Hirnforscher sich abmüht, den freien Willen auszurangieren, lesen wir es bei Uwe Grefe anders: "Was nützt das, wenn ich ein paar Worte kann, ich will wieder richtig sprechen können... Herr Beck hat mir mal gesagt, dass es bis zu fünf Jahre oder länger dauern kann. Egal, ich WILL das Sprechen wieder lernen, koste es, was es wolle, ich WILL." Dahinter steckt eine ungeheure Kraft.

Aus seiner Sicht schildert er die ineinander greifende Physio-, Ergo- und vor allem natürlich die Sprachtherapie an den verschiedenen Kliniken, die harte, bisweilen eintönige Arbeit mit wechselnden Therapeuten, leidvolle Rückschläge sowie glückliche Momente: „Am Abend rufe ich Moni an und sage: ,Iicchh lliieebee diiccchh!' und fange an zu weinen, aber ohne dass sie es merkt.“

Aufhorchen lässt sein begeisterter Hinweis auf die „melodische Intonations-Therapie zur Verbesserung der Koartikulation“ an der Universität Bielefeld.

„(Das mache ich GERNE, und wie.) Das ist nämlich so was Ähnliches wie singen!“ Bei dieser Therapie werden die Worte zuerst Silbe für Silbe gesungen und der Rhythmus des Satzes auf den Tisch geklopft. Dann folgt dasselbe als Sprechgesang, immer noch jedes Wort für sich. Wenn das genug geübt ist, wird der Satz normal gesprochen - „d. h. den Satz wie einer der sprechen kann sagen, so gut es geht“.

Als fortgeschrittener Sprachpatient lernt er die sogenannten „Minimalwortpaare“ („das sind Worte, die sich nur in einem Laut unterscheiden, wie Kirsche - Kirche, Berg - Burg, Hahn - Kahn, Kufe - Hufe“) und die „Affrikate: ,Pflicht, Pflaumen, Pflanzen'... Wörter, die ich bisher nicht richtig aussprechen konnte. Ich habe immer ,Flaumen oder Flicht' gesagt.“ Hier schmunzelt man, denn diese Fehler macht mit Sicherheit die Mehrheit der Bundesbürger - viele, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

3+4=8 ist kein Buch über eine sensationelle „Wunderheilung“ in dem Sinne, dass die wundersame Wiederherstellung des unversehrten Zustandes vor der Massenblutung geschildert würde. Nein, Uwe Grefe ist nach jahrelanger Therapie (die im Grunde nie abgeschlossen ist) eben nicht wieder „genau der alte“, sondern ein Mensch, der sich verändert und etwas Besonderes, Beispielhaftes geschafft hat. Tatkräftig und willensstark war er vermutlich immer schon, aber erst die Krankheit hat ihm diese Leistung abverlangt.

Selbstlob kommt in Grefes Buch nicht vor. Er beschreibt einfach, wie es war, z.B. als er sich das Autofahren, auch gegen den Rat einer behandelnden Ärztin, zurückzueroberte. Das erforderte Mut und Willenskraft, denn die medizinischen und amtlichen Prüfungen, denen er sich dazu unterziehen musste, hätten ja auch daneben gehen können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - das gilt offenbar auch, wenn man krank ist.

Eineinhalb Jahre nach der Gehirnblutung übte Uwe Grefe in der Ergotherapie das Schreibmaschineschreiben. Daraus entstand - zuerst im Scherz - die Idee, ein Buch zu schreiben. Es war sicherlich ein glücklicher Einfall, zuerst das Geschehene für sich selbst aufzuarbeiten, dann auch für andere: betroffene Patienten, deren Angehörige, Therapeuten oder solche, die es werden wollen (wie ich). Er hat echte Seelenarbeit geleistet, „alles noch einmal Revue passieren lassen“: die Zeit der Ohnmacht, Lähmung, Sprachlosigkeit, Phasen der Mutlosigkeit und einsame Entschlüsse...

Das Buch enthält auch ein lebensgeschichtliches Interview mit dem Verfasser, und man möchte selbst noch viele weitere Fragen an Uwe Grefe stellen: „Wie haben Sie es geschafft, rückblickend ein Buch über eine Zeit zu schreiben, als Sie gar nicht in der Lage waren, Gedanken oder Ereignisse in einem Tagebuch festzuhalten oder auf Band zu diktieren?“ Oder: „Warum hat Ihnen gerade die melodische Intonations-Therapie so gut gefallen?“

Seit 3+4=8 im Jahre 1997 erschien[2] , hält Uwe Grefe Lesungen aus seinem Buch und spricht auf Fachtagungen an Universtäten, Logopäden- und Krankenpflegeschulen. „Es hat sich gezeigt, dass ich den Studenten und Schülern eine Hilfe mit meinen Erfahrungen bin, damit sich die Therapeuten und das Klinikpersonal besser auf die aphasischen Patienten einstellen können, um sie dann auch besser zu verstehen“.

Aphasie-Patienten und Angehörigen macht er auf nüchterne Weise Mut: „Eine Massenblutung, wie ich sie hatte, oder auch ein Schlaganfall, sind Ausfälle im Gehirn. Jeden kann es treffen, man muss hart an sich arbeiten. Es kann lange dauern, bis die Defizite wieder behoben sind... Man MUSS immer daran glauben, wie ich, damit der Ausfall schneller behoben wird. Das Buch insgesamt vermittelt eine realistische Idee, was möglich ist, wenn man WILL und die Erkrankung als Herausforderung betrachtet, Dinge auszuprobieren, Chancen und Möglichkeiten zu ergreifen und dabei als Mensch innerlich zu wachsen.   

Gabriele Liebig





[1] Katrin Bibiella, Das vergessene Wort. Vom Reichtum der deutschen Sprache, Dr.-ing.-Hans-Joachim-Lenz-Stiftung, Mainz 2006. G. Liebig beschreibt in ihrer Rezension ein Sprachprojekt, bei dem Schüler durch intensive Beschäftigung mit Meisterwerken der deutschen Dichtung vergessene, aus dem heutigen Sprachgebrauch verschwundene Worte als "besonders schön und poetisch" rehabilitieren und zurückholen: „Schüler heben versunkene Sprachschätze“.
 
 


[2] 2007 erschien bereits die 4. Auflage.