Die Kunst des Sprechens

Sieben Bücher über Stimme – Sprechen – Sprache


Die Worte eines guten Gedichts sind mit einer Kraft geladen, die tief eindringt. Bei der Verwirklichung des Werkes eines großen Dichters verlässt du die Einzigartigkeit der Persönlichkeit und betrittst die Atmosphäre universaler Erfahrung.
Kristin Linklater

Es gibt viele Gründe, sich mit Dichtung zu befassen – aus reinem Vergnügen ist sicherlich nicht der schlechteste. Zugegeben, es sind vorwiegend Angehörige der 50-plus-Generation, die aus purer Freude an der Poesie und dem Wohllaut der deutschen Sprache zu Rezitationsveranstaltungen der Dichterpflänzchen kommen. Das Interesse an Sprache beschränkt sich aber keineswegs auf Ruheständler. In den Bahnhofsbuchhandlungen, wo vor allem Geschäftsreisenden und im Arbeitsleben stehenden Pendler ihren Lesestoff kaufen, liegen Bestseller wie „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ aus, daneben vielleicht „Deutsch fürs Leben“ von Wolf Schneider oder andere Ratgeber für Menschen, die lernen möchten, sich ihren Zeitgenossen klarer und präziser verständlich zu machen.

Doch warum soll man sich mit Gedichten beschäftigen, sie am Ende sogar noch selbst sprechen? Für Deutschlehrer ist dies ein praktisches Problem. Gedichte schwarz auf weiß im Buch sind bloß geronnener Abdruck klingender, gesprochener Worte. Sie wollen gehört, in den Mund genommen werden, und dies sei „eine ganz und gar sinnliche Erfahrung“, verrät die Dichterin Ulla Hahn im Vorwort zu ihrer Sammlung Gedichte fürs Gedächtnis – zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen (DVA 1999). Doch wie kann der Lehrer seinen Schülern dieses sinnliche Erlebnis gesprochener Dichterworte zugänglich machen? Wie kann er Gedichte so behandeln, dass zumindest ein Teil der Schüler sie mitnehmen ihren Lebensfundus, gern „behalten“ möchten, weil mit der Poesie Stimmungen und Gefühle so viel besser ausgedrückt werden können als mit der Alltagssprache? Wie kann er den Jugendlichen die klassischen Dramen nahebringen, die Buchstaben der Reclamheftchen zum Leben erwecken? Soll er einen Rezitator einladen? Soll er selbst vortragen – das geht noch am einfachsten bei kleinen Kindern, die freuen sich über jeden witzigen Reim und rhythmischen Vers, egal wie gut er vorgetragen wird, Hauptsache, der Sprechende wendet sich damit direkt ihnen zu. Aber wie ist das bei älteren Schülern? Wie kann man sie anleiten, Dichtung zu sprechen, wenn man es selbst nie getan hat? Wie macht man das überhaupt?

Vielen Eltern wird es ähnlich gehen, wenn sie sich bezüglich der Sprachentwicklung ihrer Kinder vernünftigerweise sagen, dass man hier unmöglich alles der Schule überlassen darf. Vorlesen im Familienkreis hat sich bewährt, auch wenn die Kinder schon selbst lesen können (es aber oft nicht hinlänglich tun). Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem entweder die Lektüre oder die Zuhörer oder beide höhere Ansprüche an die Art und Weise des Vorlesens stellen werden. Die Kunst des Sprechens ist gefragt – wo holt man sich Rat?

Als die Dichterpflänzchen vor mehr als 15 Jahren ersten Sprechunterricht nahmen und nach entsprechenden Lehrbüchern suchten, war außer dem vor hundert Jahren erschienenen „Kleinen Hey“ weit und breit nichts zu finden. Heute gibt es erfreulicherweise eine ganze Reihe hilfreicher Bücher zur Entwicklung der Stimme und der Kunst des Sprechens, einige wollen wir hier vorstellen. Dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Forschung entsprechend, greifen fast alle auf einen Grundstock ähnlicher Übungen für eine stimmphysiologisch geeignete Körperhaltung, Muskellockerung bzw. -spannung (Eutonus), Atmung, Stimmgebung, Resonanzen und Artikulation zurück, richten sich aber mit unterschiedlichem Schwerpunkt an ganz verschiedene Leserkreise. Jedes Buch steuert eine andere Idee bei, die Autoren verfolgen jeweils ein besonderes Anliegen, lenken die Aufmerksamkeit auf die Lösung eines bestimmten Problems, womit sie sich im Laufe ihrer langjährigen Arbeit in der Logopädie, Sprecherziehung, pädagogischer Sprachtherapie oder der Ausbildung von Schauspielern beschäftigt haben.



Die sieben Bücher


Wem eine kurze Einführung reicht, der wird mit Bianca Tesches Ratgeber Stimme und Stimmhygiene erst einmal zufrieden sein. Die Sprecherzieherin, Sprachtherapeutin und Leiterin einer Logopädieschule wendet sich an Menschen mit sprechintensiven Berufen, die als Lehrer, Anwälte, Verkaufsberater, Mediensprecher oder Chorsänger ihre Stimme erhalten oder verbessern wollen. In knappster Form und leicht verständlich erläutert sie das Wichtigste über die Anatomie und Physiologie der Stimme, was ihr gut tut oder schadet, gefolgt von praktischen Übungen zur Eigenwahrnehmung, Entspannung, Lockerung von Körper und Artikulationsmuskeln, Atmung, Resonanz und Lautstärke. Das Programm wirkt etwas mechanisch, zumal Aussprache, Intonation und überhaupt die Arbeit mit Texten ganz ausgespart bleiben, und macht bald Appetit auf mehr. Es ist ja auch nur gedacht als kleiner Ratgeber zur Vorbeugung berufsbedingter Stimmstörungen, wie sie leider weit verbreitet sind.




Über Die Therapie funktionaler Stimmstörungen haben zwei Logopädinnen eine Übungssammlung herausgegeben, die in erster Linie für Therapeuten, Stimmbildner oder Menschen gedacht ist, die früheren Sprech- und Stimmbildungsunterricht auffrischen möchten. Jedes der zwölf Kapitel beginnt mit einer kurzen Erläuterung zu den Übungen, die von der Wahrnehmung von Geräuschen und Klängen über das An- und Abspannen beim Atmen und Tönen und der „Atemrhythmisch angepassten Phonation“ bis zu Resonanz und Vokaleinsatz reichen.

Sehr hilfreich ist die umfassende Sammlung passender Übungsworte, Sätze, kleiner Prosatexte und – um die Stützfunktion gebundener Sprache therapeutisch zu nutzen – Gedichte von Goethe, Heine, Busch, Morgenstein bis Tucholsky, die geeignet sind, für Klang und Pfiffigkeiten der deutschen Sprache zu begeistern.

Die logopädische Fachterminologie macht das Buch für Patienten und andere Laien ungeeignet. Logopäden/Innen werden sich hingegen wundern, warum phonetisch geschriebene Worte zwar richtig in eckige Klammern [ ], in normalen  Buchstaben geschriebene Worte jedoch in phonologische Klammern / / gesetzt sind, statt in spitze Klammern < >, wie sich das gehört.



Kommen wir zu den Büchern, die von der Artikulation der Laute, der deutschen Aussprache handeln. Mit der Potenz der „drei Ds“ oder „D3“ befasst sich das Übungsbuch Deutsch dialektfrei und deutlich sprechen von Christiane Zerda. Die Verfasserin wurde an der Essener Folkwangschule zur Schauspielerin und Regisseurin ausgebildet. Nach Engagements an vielen deutschen Theatern gründete und leitete sie in Wiesbaden eine Arbeitsgemeinschaft für Bühnenspiel bzw. literarische Kleinkunst. Bis heute gibt die inzwischen 95jährige Künstlerin Unterricht in Sprechtechnik für Fernseh- und Rundfunksprecher, Darsteller, Rezitatoren und Menschen, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist. Für sie hat sie eigene Übungen entwickelt.

„Dialekte besitzen oft eine Frische, welche die Hochsprache geopfert“, heißt es im Vorwort, „dennoch kommen wir um gutes Hochdeutsch nicht herum, als Radiosprecher oder Fernsehmoderator, als Lehrer oder Ausbilder, der Schüler aus verschiedenen Bundesländern unterrichtet... Bei internationalen Aufgaben versteht ein Nichtdeutscher allenfalls Hochdeutsch, fast nie aber Dialekt.“ In jahrzehntelanger Erfahrung mit speziellen Eigenheiten der Hessen, die ungeniert eine Dame phonetisch „unbek(g)leid(t)et nach Hause gehn“ lassen, weil sie systematisch G und K, D und T ebenso wie B und P vertauschen, hat sie gegen dieses Übel besondere Übungen entwickelt. Worauf es ankommt, wird in knappster Form auf den Punkt gebracht: „B – P im Wechsel: Das B – der stimmhafte Lippenlaut – und das P – also der stimmlose Lippenlaut – sind deutlich zu unterscheiden. Backen ist etwas anderes als packen.“ Dann folgen zwei Seiten Übungen: links mit einfachen kurzen Sätzen für Ausländer („Wir bleiben in der Pause hier“), rechts etwas komplizierter für deutsche Muttersprachler („In der Pause bekamen die Pauschalreisenden billigstes Bier und pappige Brötchen“).

Das Buch erschien 1998 in 2. Auflage im Selbstverlag, ist also inzwischen eine Rarität. Doch jetzt kommt die Überraschung: Im Jahre 2010 hat Christiane Zerda dazu eine Übungs-CD herausgebracht. Zu jeder im Buch enthaltenen Übung hat sie zehn Beispielsätze auf CD gesprochen - immer zuerst langsam, dann in normalem Sprechtempo. Das gleiche Vorgehen empfiehlt sie auch beim Üben. Eine hervorragende Idee, diese CD! Denn erstens geben die 28 Tracks ganz systematisch Vorbilder der "deutschen Hochlautung", was gerade Menschen mit einer anderen Muttersprache großen Nutzen bringt. Und zweitens zeigt die CD, wie quicklebendig eine wohlgepflegte Stimme und Artikulation klingen kann, deren Besitzerin nun beinahe ein Jahrhundert alt ist.

Buch (10 €) und 4 CDs (15 €) kann man über die Dichterpflänzchen e.V. (Tel. 0611-801514 oder info@dichterpflaenzchen bestellen.





Ein Standardwerk der deutschen Sprecherziehung ist seit 30 Jahren Heinz Fiukowskis Sprecherzieherisches Elementarbuch, das 2004 in der 7. Auflage erschien. Der Schwerpunkt liegt auf der Artikulation und Intonation. So wird auf 350 Seiten für jeden Laut der deutschen Sprache zunächst 1. die Bildungsweise beschrieben, 2. Bildungsfehler und Abweichungen, 3. Abhilfevorschläge durch bestimmte Übungen, 4. Aussprache von Worten, die den Laut am Anfang, im Wortinnern oder am Ende enthalten. Dann folgen 5. Geflügelte Worte aus der Dichtung, wie z. B. bei B „Balsam fürs zerrissene Herz, wundervoll ist Bacchus’ Gabe (Schiller)“, Sprichwörter „Hunde, die viel bellen, beißen nicht“, Redensarten „den bösen Blick haben“, Wortpaare „blass und bleich“ und 6. Worte und Wortgruppen, in denen betreffende Laut in Verbindung mit anderen Konsonanten, vor oder hinter betonten oder unbetonten Vokalen oder in besonderer Häufung auftritt.

Dem angehenden Spracherzieher und Sprachtherapeuten spart dieses reichhaltige Material viel Arbeit auf dem schwierigen Weg zum „funktionellen Hören“, der Fähigkeit, aus der akustischen Realisierungsform sprachlicher Laute auf die Art ihrer Erzeugung rückzuschließen. Und allein schon die Sammlung Geflügelter Worte, Sprichworte und Redensarten macht das Elementarbuch zu einem kostbaren Schatz.

Auch das Elementarbuch ist aus der Lehrpraxis an der Universität und in der Erwachsenenbildung entstanden. Ebenso systematisch wie die Artikulation behandelt Fiukowski die Intonation, womit die Gestaltung des Gesprochenen durch Tonhöhenverlauf (Sprechmelodie), dynamischen Verlauf (Lautstärke), Sprechtempo, Pausen und Klangfarbe der Stimme gemeint ist. Fiukowski unterstreicht die besondere Bedeutung der Modulation der Tonhöhe in der deutschen Sprache. Außerdem kritisiert er monotones Übungssprechen sinnloser Wortfolgen. Da die inhaltliche Gestaltung immer auch die Artikulation beeinflusst, rät er dringend, in jeder Übung planmäßig Artikulation und Intonation gleichzeitig zu schulen.

Störend wirken in diesem wunderbaren Buch einige sinnentstellende Fehler und man wünscht der nächsten Auflage einen tüchtigen Schlussredakteur.




Mit der Intonation von Texten in Radio, Fernsehen und vor Publikum befasst sich Michael Rossiés Sprechertraining, ein Selbstlernbuch für alle, die lernen wollen, geschriebene Texte so zu präsentieren, als wären sie ihnen gerade im Moment spontan eingefallen. Warum klingt Vorgelesenes „nie wie erzählt, nie wie erklärt, nie wie gesprochen, sondern immer... wie vorgelesen“, selbst wenn man den Text selbst geschrieben hat? „Warum zerhackt der Nachrichtensprecher alle Sätze an den Kommata?“ Solche Gewohnheiten abzulegen und die Kunst, aus jedem Satz die zu betonenden Kernworte herauszufiltern, werden in einem umfangreichen Lernprogramm geübt, vom Zweiwortsatz bis zu komplizierten grammatischen Gebilden mit Einschüben und mehreren Nebensätzen. Es folgen Übungen zum Einsatz von Pausen, Tempo, Lautstärke, Sprechmelodie, Rhythmus, Stimmlage und Stimmfarbe.

Beispiele hat der langjährige Coach von Mediensprechern auf eine CD gesprochen: Prosastücke vom Sachtext und Wetterbericht über Anekdote und Fabel bis zum Witz und satirischen Dialog. Da Mediensprecher meistens mit Mikrofon arbeiten, geht Rossié auf Atemübungen und Steigerung der stimmlichen Leistung nicht ein. Im Vordergrund stehen praktische Hinweise für das praktische Anliegen, verstanden zu werden: Ob Nachricht oder Werbetext, die Botschaft soll ankommen.




Coaching in der Stimmtherapie sieht naturgemäß völlig anders aus. Einblicke in den Zusammenhang zwischen Körper, Seele, Geist und der Stimme als hörbarer Ausdruck dieser höchst veränderlichen Einheit bietet das Buch von Ingeborg Stengel und Theo Strauch, Stimme und Person. Wussten Sie, dass das Wort Person von lat. „personare“ kommt, was „hindurchtönen“ bedeutet?

Beide Autoren sind Logopäden, Frau Stengel arbeitet auch als Stimmcoach, zu Herrn Strauchs Arbeitsschwerpunkten gehört die Therapie von Sängern. Sie wenden sich mit ihrem Buch über personale Stimmentwicklung und –therapie nicht nur an Pädagogen und Therapeuten, sondern an Personen, deren berufliche Existenz von ihrer stimmlichen Leistungsfähigkeit abhängt. Stimmtherapie kann ihrer Überzeugung nach nur gelingen, wenn sie mehr ist als funktionales Training. Immer wieder haben sie in ihrer Praxis erlebt, dass die Stimme in der Übungssituation bestens funktioniert, im Alltag aber weiterhin scheitert – dass der „Transfer“ in das gewohnte Leben misslingt; dass ein Pfarrer auf der Kanzel mit vollem Brustton predigt, privat nach Feierabend aber kaum zu verstehen ist; oder die Berufsstimme versagt. Stimmstörungen werden treffend als „Krisenvertonung“ bezeichnet. Da gilt es Ursachenforschung zu treiben, solche tiefer liegenden Gründe behutsam bewusst zu machen und dann an der Veränderung eingefleischter Gewohnheiten zu arbeiten. Stimmtherapie definieren die Autoren als „eigenständigen Bereich zwischen Funktionstraining (der Stimme) und Psychotherapie“. Die These „Nicht die Stimme ist das Instrument, sondern der ganze Mensch“ veranschaulichen sie durch viele interessante Fallgeschichten.

Neben einer übersichtlichen Übungssammlung findet man in Stimme und Person wertvolle Anregungen zur Förderung der Übertragung des Geübten ins tägliche Leben wie etwa den Gedanken der Herstellung einer Balance zwischen nach außen und nach innen gerichteten Aufmerksamkeit. Überraschend ist der Vorschlag, den Transfer durch Stimmübungen mit wachsendem Schwierigkeitsgrad zu üben, wobei die Anwendung der neuen Stimme bei einem Gedicht als besonders leicht, das Führen eines Gesprächs als besonders schwierig eingestuft. Die Rangfolge der Aufgaben von leicht nach schwer: Gedicht sprechen oder lesen - Märchen vorlesen - Zeitungsartikel vorlesen - Bild in eigenen Worten beschreiben - Geschichte nacherzählen - kontrollierte Sprechsituation (eigener Inhalt, eigene Worte) - kontrolliertes Gespräch (wobei der andere weiß, dass es eine Übung ist). Ein Therapieziel, das zu denken gibt: Wie viele Menschen haben heute die Fähigkeit verloren, ein gutes Gespräch zu führen, in dem beide etwas beisteuern und beide etwas mitnehmen.





Menschen, die sich für die Kunst des Sprechens zu künstlerischen Zwecken interessieren, werden mit Gewinn das erst 2004 auf deutsch erschienene Buch der englischen Schauspielerin Kristin Linklater studieren: Die persönliche Stimme entwickeln. Ein ganzheitliches Übungsprogramm zur Befreiung der Stimme (Freeing the Natural Voice, 1976). In den 50er Jahren wurde sie an der London Academy of Music and Dramatic Art (LAMDA) zur Schauspielerin ausgebildet, hat dort und an zahlreichen amerikanischen Universitäten und Schauspielschulen Stimmbildung unterrichtet, viele große Shakespeare-Rollen gespielt und in den USA verschiedene Shakespeare-Truppen gegründet und geleitet.

Ihre Schülerin Thea Mertz – sie ist selbst Schauspielerin und Sprecherzieherin in München – hat Kristin Linklaters Buch übersetzt (vielleicht ein wenig zu ehrfurchtsvoll am englischen Wortlaut festhaltend) und die deutschen Texte auf der Begleit-CD gesprochen. Das Buch richtet sich an Schauspieler, Schauspielschüler und ihre Lehrer. Um mit Film und Fernsehen konkurrieren zu können, müssten heutige Schauspieler „in sich selbst eine elektrisierende Präsenz erzeugen, die den technischen Reiz übersteigt“. Die Übungen streben kein oberflächliches Stimmtraining an, sondern das Ideal „voller Kommunikation“: „ein ausgewogenes Quartett von Intellekt und Gefühl, Körper und Stimme“.

Man begegnet zum Teil bekannten Übungen, aber wie? Es ist eben ein Unterschied, ob die Anweisung heißt: „Entspannen Sie nun ihre Schulterblätter“ oder bei Linklater: „Stelle dir vor, wie sich die Stelle deines Rückens zwischen den Schulterblättern von der Wirbelsäule nach beiden Seiten ausbreitet.“ Hat man sich erst einmal an die eindrucksvoll bildhafte Sprache gewöhnt, verfehlt sie ihre suggestive Wirkung nicht – wenn man sich darauf einlässt. Denn der menschliche Geist wehrt sich widerspenstig, Altgewohntes abzulegen und Neues zuzulassen. Wer Veränderungen zulässt, der wird lernen, das Seufzen beim Loslassen des Tons einzusetzen oder den Weg des Atemstroms durch die Resonanzhöhlen zu erspüren. Die musikalischen Übungen entlang der „Resonanzleiter“ können den verfügbaren Umfang der Sprechstimme auf vier Oktaven erweitern, wie Frau Linklater selbst auf der CD demonstriert. Sie empfiehlt das Üben zu zweit, wobei mal der eine, mal  der andere die Übungsanweisungen gibt.

Linklaters Methode zur „Befreiung der Stimme“ beruht u. a. auf dem Prinzip, dem unwillkürlichen Nervensystem zu überlassen, was es von alleine tut, ohne dass man willkürlich eingreifen muss. Es sorgt z. B. dafür, dass gerade genügend Luft für die Äußerung eines Gedankens eingeatmet wird. Es reicht, mit dem Denken dieses Gedankens dazu den auslösenden Impuls zu geben.

Besonders spannend zu lesen sind die Kapitel über „Feingefühl und Kraft“ und „Texte und Schauspielen“. Wer selbst Gedichte rezitiert, kennt die Macht der metaphorisch angedeuteten Bilder, die man mit der eigenen Vorstellungskraft auf eine „innere Leinwand“ projiziert. Die geistigen Bilder stimulieren Empfindungen, beeinflussen Nerven, Atem, Muskeln und werden über die Schallwellen der Stimme auf den Geist der Zuhörer übertragen. Das nennt Linklater „infraverbale Kommunikation“. Sie erfordert einen ungeblockten Schauspieler/Rezitator, der den Dichtertext ganz in sich aufgenommen und im Moment des Sprechens für das Publikum lebendig neu entstehen lässt. Arbeit am Text bedeute, „die Worte auf sich wirken zu lassen, sodass sinnliche, emotionale, imaginative, körperliche und stimmliche Entdeckungen die Grundlage bilden, auf die der Intellekt aufbauen kann.“

Zum Schluss erzählt die Verfasserin vom Theater Shakespeares und der Alten Griechen. Für die „Elisabethaner“ im England des 16. Jahrhunderts und die Griechen vor 2500 Jahren „war verbale Kraft ein wesentlicher Teil des Menschen“. Das gesprochene Wort entfaltete auf dem Theater enorme Wirkung auf das Volk wie auf die Aristokratie. „Was würde geschehen, wenn Schauspieler von der reinen Reaktion aus arbeiten (statt von der durch die Persönlichkeit auferlegten Interpretation), den Text völlig aufsaugen und durch ihn verändert werden könnten; was könnten sie in Klassikern aufdecken? Und wie würden Schriftsteller und Schauspieler ein Theater neu erfinden, das für uns heute Bedeutung hätte?“ Kristin Linklater und ihre Kollegin Thea Mertz erhoffen von ihrer Arbeit auch eine belebende Wirkung auf die Sprache: „Wir wollten die tiefste und größte Spannweite unseres Menschseins verfügbar machen, um Shakespeares Dichtkunst an uns arbeiten zu lassen, und – auf einer allgemeineren Ebene – etwas von dem roten Blut wiederzuerlangen, das in den letzten 400 Jahren zunehmend aus unserer gesprochenen Sprache herausgeflossen ist.“




Gabriele Liebig


Bianca Tesche
Stimme und Stimmhygiene. Ein Ratgeber zum Umgang mit der Stimme
Schulz-Kirchner, Idstein 2006, ISBN 978-3-8248-0349-1, 62 Seiten, 8,40 €.

Walburga Brügge, Katharina Mohs
Therapie funkioneller Stimmstörungen. Übungssammlung zu Körper, Atem, Stimme
5. Auflage, Ernst Reinhardt, München/Basel 2005, ISBN 3-497-01736-1, 178 Seiten, 23,90 €.

Christiane Zerda
Deutsch dialektfrei und deutlich sprechen. Ein Übungsbuch
Selbstverlag, 2. Auflage 1998, 119 Seiten, Rarität: Buch (10 €) und 4 CDs (15 €) kann man über die Dichterpflänzchen e.V. (Tel. 0611-801514 oder hier bestellen)

Heinz Fiukowski
Sprecherzieherisches Elementarbuch
7., neu bearbeitete Auflage, Niemeyer, Tübingen 2004, ISBN 3-484-73000-5, 507 Seiten, 27 €.

Michael Rossié
Sprechertraining. Texte präsentieren in Radio, Fernsehen und vor Publikum
4., aktualisierte Auflage, Econ-Reihe Journalistische Praxis, ISBN 978-3-430-20037-0, 290 Seiten mit CD, 23 €.

Ingeborg Stengel, Theo Strauch
Stimme und Person. Personale Stimmentwicklung, personale Stimmtherapie
5. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-91988-0, 230 Seiten, 22 €.

Kristin Linklater
Die persönliche Stimme entwickeln. Ein ganzheitliches Übungsprogramm zur Befreiung der Stimme
Übersetzt aus dem Englischen von Thea M. Mertz, 3. Auflage, Ernst Reinhardt, München/Basel 2005, ISBN 3-497-01743-4, 280 Seiten mit CD, 29,80 €.