Musik fördert Sprache – und begeistert Kinder !

Davon konnte man sich im Mainzer Rathaus bei einer Veranstaltung des „Netzwerks Kind und Sprache“ in Kooperation mit dem Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl) am 5. Juni 2009 selbst überzeugen. Im Rahmen des Monats der Sprachförderung wurde ein gelungenes Schulmusikprojekt vorgestellt, und zwar von den kleinen Hauptakteuren selbst. Die 2. Klasse der Grund- und Hauptschule Mombach-West heißt „Streicherklasse“, weil alle 25 Kinder in der Schule Geige oder ein anderes Streichinstrument lernen - wie bei Isaac Sterns später mit Meryl Streep in „Music of the Heart“ verfilmtem New Yorker Geigenschulprojekt. Den Unterricht erteilen „im Team“ die Klassenlehrerin Rita Hens und die Violinlehrerin vom Peter-Cornelius-Konservatorium Dorothee Koschnicke.

Das von den beiden Pädagoginnen entwickelte didaktische Konzept wurde den Zuhörern live präsentiert. Die 25 Kinder aus Mombach sangen ein Lied, begleitet von einem ebenfalls jungen Streicherensemble des Peter-Cornelius-Konservatoriums. Zuerst sangen sie den Text („Suchst du einen Sonnenstrahl...“), dann die Solfègenamen der Tonstufen (do, re, mi...), wobei die Lehrerin mit Handgesten die Tonstufen angab. Beim dritten Durchgang wurde der Takt dazu geklatscht.

Zwei Kinder stellten in Form eines kurzen Gedichtes das Thema des musikalischen Programms vor: eine Reise durch Europa und um die ganze Welt. Auch im richtigen Leben repräsentieren die 25 Kinder dieser Schulklasse neun Nationalitäten – verbunden in und durch Musik! Nun wurden 25 kleine Geigen an den Hals gelegt und eine neue Melodie zuerst gezupft, dann gestrichen, auf Text und Solfègenamen gesungen und erneut auf der Geige gespielt.

Nach diesem ersten Teil der musikalischen Reise erläuterte die Musikpädagogin Christa Schäfer vom Peter-Cornelius-Konservatorium, warum Musik die Sprachentwicklung fördert. Viele landläufige Argumente wie „Musik macht Freude“ oder „Musik vertreibt Traurigkeit“ seien den Menschen schon viele tausend Jahre bewusst gewesen. Neuere empirische Untersuchungen hätten ergeben, dass Kinder, die musizieren, intelligenter und sozial kompetenter würden. Noch interessanter sei die Verbindung zwischen Musik und Sprachentwicklung, insbesondere die folgenreiche Streitfrage, was denn zuerst komme: das Sprechen oder das Singen? Alle Sprachentwicklung beginne mit dem Hören; schon im Mutterleib höre das Ungeborene Tonhöhen, Rhythmen, Melodien. Ist das Baby geboren, sprechen Eltern mit ihrem Baby instinktiv in einer Weise, die mehr dem Singen als der normalen Alltagssprache gleicht. Den Sinn der Worte könne das Baby noch nicht verstehen, aber es freue sich an der Melodie und der ihm liebevoll zugewandten Intonation. Wie aus der Sprechmelodie eine Singmelodie wird, demonstrierten zwei kleine Mädchen aus Mombach mit dem Lied „Wenn die Sonn am Himmel steht“.

Und dann erlebten die Zuhörer in einem beeindruckenden Live-Experiment, wie unglaublich schnell 7-8jährige Kinder musikalisch-poetische Konzepte begreifen und wiedergeben können: Ohne vorher mit ihnen geübt zu haben, sang Christa Schäfer mit den ihr bis zum Vormittag noch unbekannten Kindern der „Streicherklasse“ ein Strophenlied, das den Gesang der Fische, Frösche, Libellen und Enten nachempfindet. Die Melodie blieb immer gleich, aber die pantomischen Bewegungen der Dirigentin und die je nach Tierart unterschiedliche Intonation änderte sich bei jeder Strophe. Zum Erstaunen der Zuhörer machten die Kinder Melodie, Bewegungen und Intonation sofort und voller Begeisterung mit.

An dieser Freude gelte es anzuknüpfen, so Frau Schäfer, wenn man etwas tun möchte gegen die leider immer häufiger auftretenden Sprachdefizite und Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern. Wichtiger als über Probleme zu klagen, seien Initiativen, den Kindern das Bessere anzubieten. Dass es an der Begeisterung der Kinder gewiss nicht fehlt, zeigte auch der zweite Teil der musikalischen Reise um die Welt – nach London, zu den Känguruhs nach Australien, nach Indien und China. Mit der entzückend vertonten chinesischen Teezeremonie setzten nicht zuletzt die jungen Streicher vom Konservatorium einen wunderschönen musikalischen Höhepunkt.

Der Mainzer Dezernent für Soziales, Jugend und Finanzen, Kurt Merkator, nahm selbst an der Veranstaltung teil und überreichte eine Spende an den Förderverein des Projekts.

Gabriele Liebig





Links:
Mainzer Netzwerk Kind und Sprache (
www.kind-sprache.de )
Deutscher Bundesverband für Logopädie (
www.dbl-ev.de )