Vom Ursprung der Sprache



Gabriele Liebig


Die Frage, wie und wann die menschliche Sprache entstand, ist bis heute keineswegs gelöst, noch hat sie über die Jahrtausende an Faszination verloren. Führt sie uns doch zu den ersten Anfängen der Menschheit, ja des Menschseins, zurück – an jenen Punkt in grauer Vorzeit, als die meisten unserer Urahnen noch nicht „sprachen“, als diese neue Art sich zu verständigen, erst „aufkam“. Wie das geschah, darüber gibt es die unterschiedlichsten Hypothesen – faszinierend sind sie alle. In einer ganzen Reihe neuer Publikationen werden sie leidenschaftlich diskutiert.
Reichen die Wurzeln der menschlichen Sprache in der Evolution Millionen Jahre zurück oder datiert man ihre Entstehung erst auf den Beginn der Spezies Homo sapiens vor 200 000 Jahren? Ist sie aus tierischen Lauten oder aus Gesten hervorgegangen? Ist sie in erster Linie als Instrument des Denkens entstanden, oder diente sie vor allem der sozialen Verständigung? Eine Schlüsselfrage dabei lautet: Hat die Sprache sich aus Gesang und Musik entwickelt oder war es umgekehrt?


Neurologie und Evolution
Beginnen wir mit der schmalen, aber hochinteressanten Publikation des Schweizer Neurologen und Poeten Jürg Kesselring, Im Anfang war das Wort … und die Evolution. In dieser Rede über „Sprachentwicklung aus neurologischer Sicht“ erläutert er, warum Neurologen sich für dieses Thema interessieren: Die Evolution des Nervensystems führe von niederen zu immer differenzierteren Entwicklungsstufen, von mehr automatischen Funktionen zu komplizierten, willkürlichen Handlungen. Das Gegenteil, Dissolution, die im Krankheitsfall geschieht, bedeute eine Reduktion auf frühere, niedrigere Entwicklungsstufen, wobei die höheren, differenziertesten Funktionen zuerst leiden und am schwersten beeinträchtigt würden.
Kesselring skizziert die wesentlichen Faktoren bei der Entstehung der Sprache, einige werden uns bei den weiter unten besprochenen Neuerscheinungen wieder begegnen. Dazu gehöre der aufrechte Gang, der nicht nur die Hände befreit und den Gebrauch von Werkzeugen ermöglicht, sondern wegen des dadurch verengten weiblichen Beckens bewirkt, dass ein Menschenkind – da später der Kopf nicht mehr durch den Geburtskanal passen würde – „zu früh“ auf die Welt kommt und besonderer Fürsorge bedarf. Schon antike Gelehrte seien der Ansicht gewesen, dass die Natur dem Körper vor allem um der Sprache willen Hände gegeben habe, die Lippen und Zunge von den Mühen der Nahrungsaufnahme stark entlasteten und damit auch für höhere Funktionen freistellten. Er verweist weiterhin auf die Rolle von Zeigegesten ebenso wie von Ausrufen, die als hörbare Gesten mit den Muskeln von Wangen, Lippen und Zungen verstanden werden können, außerdem auf die biologische Absenkung des Kehlkopfs und die Möglichkeit des Menschen, den Atemrhythmus willkürlich zu unterbrechen. Auch die russische Hypothese, wonach die Sprache sich aus dem Sozialverhalten entwickelt habe, wird angeführt.
Für Kesselring fällt die Entstehung der Sprache, wie bei den Denkern der Antike bis in die Renaissance, in eins mit der Entstehung von Logos und Vernunft, vom Homo sapiens und seinem Gehirn. Der Autor verweist auf Michelangelos berühmtes Bild Die Erschaffung Adams mit einer verblüffenden Beobachtung: Als Neurologe komme man nicht umhin, im Mantel Gottes die Umrisse des menschlichen Gehirns zu erkennen – ganz anatomisch mit Hirnstamm, Kleinhirn, Hippocampus. Die Zeigegeste Gottes auf den gerade erschaffenen Adam führe mitten durch den Frontallappen.

Der Mensch, ein kooperatives Wesen
Kesselring nennt Tomasellos Arbeit über Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation „ein faszinierendes Buch“. Tomasello erläutert darin die These, dass die menschliche Sprache „ein grundlegend kooperatives Unternehmen“ sei. Gestützt auf aktuelle Ergebnisse der Primaten- und Säuglingsforschung und der neueren Sprachphilosophie entwickelt er ein artgeschichtlich wie individualgeschichtlich begründetes Mehrstufenmodell der Sprachentwicklung. Im Übergang zwischen tierischer und menschlicher Kommunikation bilden seiner Ansicht nach Zeigegesten die Gelenkstelle. Denn Lautäußerungen seien bei Menschenaffen weitgehend genetisch festgelegt, während Gesten neu erlernt werden können. Im Zuge der Entwicklung sozialer Kooperation unter Primaten hätten sich mit der Zeit Gesten und Pantomime entwickelt, in denen Tomasello die Urformen der menschlichen Sprache erkennt.
Von diesen gestischen Vorformen zu einer komplexen Sprache ist es dann freilich noch ein weiter Weg. Einzelne Kooperationsmotive reichen nicht aus, vielmehr ist dazu eine bestimmte „psychologische Infrastruktur“ erforderlich, die Tomasello als „geteilte Intentionalität“ bezeichnet, was man sich so vorstellen kann: In einer Gruppe von Individuen ist ein Wir-Gefühl vorhanden, man hat gemeinsame Ziele, gemeinsame Absichten und Vorhaben, wechselseitiges Wissen und gemeinsame Überzeugungen. Eine solche „Infrastruktur“ und die dazu erforderlichen Kompetenzen hat Tomasello nur bei Menschen gefunden.
Tomasellos These, dass der Mensch deshalb sprechen lernte, weil er von Natur aus zur Kooperation veranlagt ist, hat etwas ungemein Entlastendes – im Gegensatz zu anderen, pessimistischeren Auffassungen von der Menschennatur im Kontext der Evolution. Implikationen hat Tomasellos evolutionäres Modell auch für die Sprachphilosophie. Während sich nämlich der Ursprung der psychologischen Infrastruktur menschlicher kooperativer Kommunikation durch grundlegende evolutionsbiologische Gesetzmäßigkeiten erklären lässt – indem Individuen mit gemeinsamen Absichten und kooperativen Motiven ein gemeinsames Ziel verfolgen konnten und dadurch einen Anpassungsvorteil hatten –, braucht man zur Erklärung der 6000 verschiedenen menschlichen Sprachen außerdem kulturgeschichtliche, d.h. nichtbiologische Prozesse, durch die besondere sprachliche Formen entstehen und durch kulturelles Lernen, anstatt durch Vererbung an neue Generationen weitergegeben werden. Diese Perspektive stelle Chomskys Vorschlag „vom Kopf auf die Füße“, meint Tomasello. (Noam Chomsky ist der Ansicht, dass nicht nur die Fähigkeit zum Spracherwerb dem Menschen genetisch mitgegeben ist, sondern dass dazu auch eine allen Sprachen grundsätzlich gemeinsame „Universalgrammatik“ gehöre.)

Der weibliche Faktor
Die amerikanische Anthropologin Dean Falk hat eine ganz andere Theorie von der Entstehung der Sprache entwickelt. Am Anfang steht hier nicht das Bedürfnis, sich bei gemeinsamen Tätigkeiten auf der Jagd, im Kampf, bei der Nahrungssuche oder der Werkzeugherstellung zu verständigen, sondern um Mütter, die ihre Kinder auf lautlichem Wege trösten und beruhigen mussten, wenn sie die Kleinen während der Arbeit nicht auf dem Arm tragen konnten. Die Beobachtung, dass wir mit Kleinkindern auch heute noch instinktiv in einem speziellen Singsang, der Babysprache, kommunizieren, brachte sie auf den Gedanken, dass Gesang, d.h. Musik, am Anfang der Sprachentwicklung steht.
Wie Tomasello blickt sie auf der Suche nach den Wurzeln der menschlichen Sprache sehr viel weiter zurück als bis zur Geburt des Homo sapiens. Schon vor 2 Mio. Jahren sei eine Protosprache entstanden, und der Schlüssel zum eigentlichen Ursprung der Sprache finde sich noch sehr viel früher, nämlich vor 5-7 Mio. Jahren „in jener geheimnisvollen Übergangsphase zwischen der Abspaltung unserer frühesten Vorfahren von der Linie der übrigen Primaten und den allerersten Lauten jener Ursprache“.
Kleine Affen können sich im Fell der Mutter festkrallen, Menschenbabys können das nicht, man muss sie auf dem Arm tragen. Wenn man sie ablegt, um die Hände frei zum Arbeiten zu haben, schreien sie oft, und das kann Feinde anziehen und gefährlich werden. Also muss man sie beruhigen – durch Lautfolgen mit mutmaßlich ähnlichen Konturen, Tempo, Rhythmus und Stimmgebung, wie man sie heute noch in Wiegenliedern sowie der „Ammensprache“ (auch „Motherese“ genannt) der unterschiedlichsten Kulturen findet.
Die These von der Entstehung der Sprache aus der Musik widerspricht zwar der Auffassung von Sprachwissenschaftlern wie Stephen Pinker, der Musik für eine Art Luxus-Abfallprodukt hält, das einige mentale Mechanismen von der Sprache übernommen habe. Aber gänzlich neu ist sie nicht. Charles Darwin vermutete, dass Sprache aus musikalischen Lauten und Rhythmen hervorgegangen sein müsse, die unsere Vorfahren verwendeten, „um das andere Geschlecht zu bezaubern“, berichtet Dean Falk. Wilhelm von Humboldt dachte sich den Urmenschen als „singendes Geschöpf, aber Gedanken mit den Tönen verbindend“. Und Kants Königsberger Zeitgenosse Hamann behauptete: „Die älteste Sprache war Musik“ und „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“. Nun hat Falk diese Auffassung mit vielen Beispielen aus der neurowissenschaftlichen und anthropologischen Forschung untermauert.

Gesang als wenig erforschtes Sprachregister
Die Münchener Linguistin Simone Falk hat in ihrer Promotionsstudie Musik und Sprachprosodie – Kindgerechtes Singen im frühen Spracherwerb untersucht, welche sprachprosodischen Merkmale in von Eltern gesungenen Liedern Kindern im ersten Lebensjahr bei ihrer Sprachentwicklung helfen können.
Dazu muss sie, wie ihre amerikanische Namenskusine Dean Falk, der heute weithin vorherrschenden Schule entgegentreten, die Musik und Sprache als zwei getrennte Systeme betrachtet. So ist ihr Buch allein schon wegen ihrer einleuchtenden Darstellung der „Äquivalenzhypothese“ zwischen Musik und Sprache lesenswert. Nach linguistischen Gesichtspunkten beschreibt sie die hierarchisch geordneten Strukturen von Musik- und Sprachprosodie und zeigt, wie beide prinzipiell aufeinander abbildbar sind: Dem Phonem oder einzelnem Sprachlaut entspricht in der Musik als kleinste Einheit der Ton, darauf folgen in der Sprache als nächsthöhere Ebenen Silbe, Fuß, Phonologisches Wort, Phrase und Äußerung; in der Musik folgen Intervall, Takt, Motiv, musikalische Phrase und Periode. „Im Singen gehen Sprache eine derart enge Symbiose ein“, schreibt sie, dass es bloß vom Blickwinkel des Betrachters abhänge, „ob man Singen als sprachliches oder musikalisches Register ansieht.“
Im nächsten Schritt untersucht sie dann, warum „gesungene Sprache“ kleinen Kindern beim Spracherwerb helfen kann. Sie hat 55 deutsche, russische und französische Eltern gefunden, die ihren Babys im Alter von 2-13 Monaten vor dem Mikrofon Lieder vorsangen. Diese 600 Tondokumente mit traditionellen, modernen oder frei erfundenen Schlaf- und Bewegungsliedern hat sie untersucht und ihre beiden Hypothesen bestätigen können: 1. Musikalische und sprachliche Prominenz- und Grenzstrukturen sind in jeder der drei Sprachen aufeinander abbildbar. 2. Die Prosodie kindgerichteten Singens entspricht weitgehend dem kindgerichteten Sprechen (Motherese), d.h. der Lautstrom des Gesangs enthält für den Spracherwerb relevante Informationen, z.B. über den Klang von Vokalen, über den phonologischen Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen, über das im Deutschen vorherrschende trochäische Betonungsmuster (die meisten zweisilbigen Wörter werden auf der ersten Silbe betont) oder über Phrasengrenzen.
Und da Musik- und Sprachprosodie im kindgerichteten Singen sich so untrennbar nahe sind, plädiert Simone Falk dafür, „Singen als relevanten Input für spracherwerbende Kinder ins Zentrum zukünftiger Forschung zu rücken“.

Musik im Gehirn
Vom Ursprung der Sprache und der tragenden Rolle der Musik in diesem Prozess ist auch in Oliver Sacks‘ Geschichten Über Musik und das Gehirn die Rede. Hier lesen wir: „Jean-Jacques Rousseau (der Komponist und Philosoph zugleich war) vertrat in seinem Essai sur l‘Origine des Langues die Meinung, dass in der Urgesellschaft Sprache und Gesang nicht voneinander geschieden waren.“ Die Ursprachen seien weniger gesprochen als wie Psalmen gesungen worden. Insofern sei die von Steven Mithen in seinem The Singing Neanderthals: The Origins of Musik, Language, Mind and Body gar nicht neu. Sacks berichtet über Mithens zwar unbelegte, aber faszinierende Idee, dass bei den Neanderthalern Musik und Sprache noch eine einzige Protosprache und zugleich Protomusik war, eine „singende Sprache“ mit Bedeutungen, aber ohne Wörter, die u.a. ein absolutes Gehör erforderte.
Oliver Sacks‘ Geschichten führen uns zurück ins Feld der Hirnphysiologie. Der Verfasser praktiziert als Neurologe in New York City und versteht es wie kaum ein anderer, komplizierte wissenschaftliche Konzepte und klinische Phänomene in anschaulichen Beispielen, nach den Regeln ästhetischer Erkenntnis, zu erzählen. Viele davon handeln von Pianisten. Einer von ihnen, der „einarmige Pianist“ ist Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verlor. Große Komponisten wie Benjamin Britten, Maurice Ravel, Richard Strauss und Paul Hindemith komponierten für ihn Stücke für die linke Hand. Sacks erzählt, Wittgensteins Gehirn habe trotzdem weiter mit der rechten Hand Klavier gespielt. Schüler berichten, sein Fingersatz war immer der beste.
Sehr bewegend ist eine Geschichte über einen 88jährigen Alzheimer-Patienten, einst ein sehr bekannter Pianist, der auch als er schon nicht mehr sprechen konnte, noch jeden Tag Klavier spielte. Eine Schülerin, die vierhändig mit ihm musiziert, beschreibt in einem Brief an Sacks, wie ein Besuch bei dem alten Mann zum Wunder werde, „wenn er die Krankheit mittels der Musik überschreitet“.
Ähnliche Beispiele gibt es für das Singen, nicht nur auf dem Gebiet der Demenz, sondern auch bei Menschen, die nach einem Schlaganfall die Sprache verloren haben und nicht mehr sprechen, aber singen können. Anscheinend gehört die Musik tatsächlich zu einer früher entwickelten neuronalen Grundausstattung, auf die wir Menschen auch dann noch zurückgreifen können, wenn jüngere Gehirnstrukturen und -netzwerke durch Krankheit ihre Funktion verloren haben.