Bronzestatue der Julia

Warum sind "abgegriffene Reime" ein Problem?


Bisweilen stechen in Gedichten Worte ins Auge, die unpassend und manieriert klingen. Warum wurde nicht ein einfaches und naheliegendes Wort gewählt? Wenn man die Gelegenheit hat, den Autor zu fragen, erhält man fast immer zur Antwort, es handele sich bei dem einfachen Wort um einen "abgegriffenen Reim", als sei das etwas geradezu Unappetitliches. Vielleicht ist dieser "abgegriffene" Reim aber trotzdem das kleine Übel, wenn der neu geprägte Reim unpassend wirkt.

Was bedeutet "abgegriffen" überhaupt? In Verona steht von der "Casa di Giulietta" eine Bronzestatue der Julia, sie ist wunderschön "abgegriffen". Diese Statue steht nicht nur herum, die Menschen "begreifen" ihre Schönheit, man könnte natürlich auch sagen, sie "betatschen sie". Jeder, der das tut, versichert sich damit der treuen Liebe der, bzw. des Geliebten und manche bringen kleine Zettel oder Schlösser mit ihren Namen in der Nähe der Statue an. Die Statue ist abgegriffen, weil sie genutzt wird, weil man etwas damit anzufangen weiß, weil sie auf Menschen eine Wirkung hat. Diese Wirkung hat sie jedoch nur im Zusammenhang mit Shakespeares bekannter Tragödie, in der die unverbrüchliche Liebe der Julia zu Romeo erblüht.

Gilt nicht das Gleiche auch für Reime – "abgegriffene" oder völlig neu geprägte? Auch sie wirken nur im Zusammenhang des gesamten Gedichts und können dabei so abgegriffen sein wie die Statue in Verona, wenn sie nur ihre wunderbare Wirkung entfalten und für den Leser Schönheit begreifbar machen.

Geradezu ein Paradebeispiel für einen dieser "abgegriffenen Reime" ist "Rose und Nachtigall", was sich im Deutschen nicht reimt, dafür klingt es im Orient umso schöner: "Gül – Bülbül" auf Türkisch und "Gul – Bulbul" auf Persisch. Der Rose-Nachtigall-Reim ist in der persischen und türkischen Dichtung häufiger als der "Herz-Schmerz-Reim" im Deutschen. Nicht nur der Klang macht die Schönheit von "Gül – Bülbül" aus, sondern die Mannigfaltigkeit der poetischen Bilder, die von den beiden Reimworten aufgespannt wird, die selbst im Deutschen – wo die Worte unterschiedlich klingen – spürbar ist.

Übrigens ist "Herz-Schmerz" auch ein sehr guter Reim; deswegen haben ihn Dichter so oft verwendet. Schiller zum Beispiel verwendet ihn meisterlich in der Schlussstrophe des philosophischen Gedichtes "Die Macht des Gesanges", in welcher er die zuvor entwickelte Aussage über die Wirkung der Poesie in einem mitreißenden Bild verdichtet:

Und wie nach hoffnungslosem Sehnen,
Nach langer Trennung bitterm Schmerz,
Ein Kind mit heißen Reuetränen
Sich stürzt an seiner Mutter Herz:
So führt zu seiner Jugend Hütten,
Zu seiner Unschuld reinem Glück,
Vom fernen Ausland fremder Sitten
Den Flüchtling der Gesang zurück,
In der Natur getreuen Armen
Von kalten Regeln zu erwarnen.


Auf den bisweilen zu hörende Einwand, man könne heute "so" nicht mehr dichten, – leider können es die meisten Dichter wirklich nicht – könnte man viel sagen, aber das würde vom Wesentlichen ablenken.

Es geht um die Frage, ob dieser "abgegriffene" Reim "Herz-Schmerz" gut oder schlecht ist. Wie man sieht, hängt das davon ab, wie der Reim in dem jeweiligen Gedicht verwendet wird. Das ist heute natürlich schwieriger als früher, als er noch "frisch" war, da seine Geschichte – all die vielen einprägsamen Beispiele der Vergangenheit – unweigerlich mitschwingt. Aber den Reim einfach als "abgegriffen" abzustempeln und ihn zu vermeiden, das scheint mir das Kind mit dem Bade auszuschütten. Werfen wir denn die Statue der Julia in Verona auf den Müll, nur weil sie "abgegriffen" ist und nicht mehr neu aussieht?

Neue Wortschöpfungen und Reime sind für die Poesie lebenswichtig, es ist jedoch sehr schwer, wirklich gute neue Reime zu erfinden. Wenn diese neuen Reime nicht genau passend und natürlich, sondern "gemacht" wirken, dann sind sie einfach nicht gut gelungen und man sollte demütig auf das zurückgreifen, was große Dichter bereits erschaffen haben.

Es kommt natürlich bisweilen vor, dass man beim Dichten den Eindruck hat, dass ein bestimmter Reim, der doch eigentlich sehr gut passen würde, doch etwas "abgegriffen" zu sein scheint. Was tun? Anstatt nach einer neuen Wortkreation zu suchen, ist es dann wahrscheinlich einfacher und besser, einige Gedanken darauf zu verwenden, was an dem Gedicht insgesamt möglicherweise nicht tief, authentisch und schön genug ist. Vermutlich liegt hier die Ursache, wenn ein an sich passender Reim seine Wirkung nicht entfalten kann. Oft ist der "abgegriffene Reim" nur darum ein Problem. Mit dem Reim ist es eben wie mit einer Münze: Der Wert zählt, ob frisch geprägt oder abgegriffen.

Ralf Schauerhammer

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