LyricChat


hi tom
was ist eigentlich lyrik? ich denke grad darüber nach. du weißt doch viel über literatur und gedichte. warum ist ein gedicht überhaupt ein gedicht? was bewirkt es? steht da irgendwo in deinen schlauen büchern etwas interessantes? im internet finde ich viel, ist aber nichts gutes dabei, glaub ich.
lg ralph


Lieber Ralph,
Das ist eine Interessante Frage. In meinen "schlauen Büchern" steht darüber sehr viel Widersprüchliches geschrieben. Man muss selbst denken und sich dann entscheiden, was richtig ist. Aber warum willst du es überhaupt wissen?
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
ich will dichter werden. du hältst mich nun wahrscheinlich auch für verrückt. Jessi hat gesagt, ich wäre völlig durchgeknallt. aber ich meine es ernst. ein echter dichter, über dinge schreiben, die nicht nur mich betreffen. gedichte die alle angehen und bewegen. du kennst ein paar sachen von mir, und hast sie ok gefunden. aber ok reicht mir nicht. es muss mehr sein als nur hier und heute. ich will dinge sagen und schreiben, für die sich menschen auch noch in hundert oder tausend jahren interessieren oder sich angesprochen fühlen. wie bei shakespeare oder faust von goethe oder homers odyssee – dinge, die bleiben. schon anders, nicht einfach nachgemacht, aber von der wirkung her. ich muss herausfinden, was der trick, ok, was das geheimnis ist. also: was ist lyrik!
lg ralph


Lieber Ralph,
das ist überhaupt nicht verrückt. Ich glaube, du hast das Zeug dazu. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Poesie und habe, wie du weißt, deine Gedichte gründlich und mit Freude gelesen: Du hast Talent.

Nun zu deiner Frage. Es wäre Zeitverschwendung, wenn ich dir alle möglichen und unmöglichen Definitionen herbete, die ich schon gelesen habe, und vor allem gibt es keine, die mir selbst genau zu passen scheint. Lass uns anders vorgehen. Du hast dir doch schon einige Gedanken gemacht. Lass uns einfach darüber diskutieren.
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
jetzt hast du den ball zurückgespielt. ok, wenn du es also auch nicht weißt. eine definition. möglich oder unmöglich, bringt das überhaupt was? was mir vorschwebt, wenn ich an lyrik denke, ist etwas, was ich bei edgar allen poe gelesen habe, das hat mich fasziniert. da steht ein dichter mit jemandem da und sieht im weltall einen ganz wilden stern vorbeiziehen und sagt: den habe ich durch meine rhymes erschaffen. versteht du, worte sind mehr als worte. oder orpheus, der durch die schönheit seines gesangs die natur bewegt hat. am besten finde ich, wie orpheus bei den argonauten den gesang der verführerischen sirenen übersungen hat. nicht nur ohren verstopfen, wie odysseus, sondern den gesang neutralisieren. ich kann mir das so richtig vorstellen, die sirenen machen volksmusik oder schlagerparade oder so etwas ähnliches, und orpheus singt etwas wunderschönes, so schön, dass die leute radio und fernsehen links liegen lassen und nur noch ihm zuhören. es dringt durch wie ein laserstrahl. das ist lyrik!
Lg ralph


Lieber Ralph,
Deine Laser-Metapher finde ich sehr gut. Kohärenz und Resonanz sind für die Funktion des Lasers ausschlaggebend, und dass passt sehr gut zu dem, wie Lyrik wirkt, denke ich.

Wie es schien, besaß Orpheus tatsächlich die Zauberkräfte, die ihm noch heute zugeschrieben werden. Denn, wie Johann Gottfried Herder in einem Aufsatz über "Ähnlichkeit der mittleren englischen und deutschen Dichtung" schreibt, waren die Griechen damals noch "Wilde" und Orpheus ein "edler Schamane". Wie Mythen und Märchen erklärte und vermittelte auch die Lyrik zwischen Naturkräften und den Menschen, indem sie die allgegenwärtigen Götter und Geister beschwor, besänftigte und erkennbar machte, welche damals das Leben der Menschen genauso bestimmten, wie es heute die Wissenschaft tut. Einige Geister spuken aber auch heute noch herum.

Lyrik war ursprünglich ein zur Leier gesungenes Gedicht. Die Sache war also ganz einfach, wenn da einer alleine mit einer Leier steht und etwas vorträgt, dann ist es Lyrik. Wenn wir aber heute Lyrik sagen, dann meinen wir im Allgemeinen nicht nur einen "Liedtext". Im Angloamerikanischen ist das Wort heute noch näher an dieser ursprünglichen Bedeutung und im Internet findest du "lyrics" fast immer nur in der Bedeutung von "Songtext". Und wirken Rock-Kult-Bands nicht wie Schamanen, zumindest auf ihre Fan-Gemeinde?
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
das mit dem gesang ist doch gar nicht mal so schlecht. bis vor etwa 100 jahren sagte man statt dichter ja auch oft sänger. viele songtexte sind zwar Müll, aber es gibt auch echt gute lyrics. irgendwie wäre das aber doch eingeschränkt. und gedichte werden ja schon lange nicht mehr gesungen, seit dem mittelalter, jedenfalls. jetzt wären deine schlauen bücher vielleicht doch hilfreich – oder?
lg. ralph


Lieber Ralph,
die erste Poetik für die deutsche Sprache hat Martin Opitz geschrieben. Sein "Buch von der Deutschen Poeterey" wurde 1624 veröffentlicht und beschreibt alle möglichen Gattungen von Gedichten: "Epigramme", das sind kurze Satiren, "Hirtenlieder", das sind bäuerlich und einfältig vorgebrachte Gedichte, "Elegien", das sind traurige Gedichte, "Lobgesänge" oder "Hymnen" wurde zum Preis Gottes und Lob philosophischer Werte gedichtet. Unter "Lyriken" versteht er schließlich Gedichte, die man "zur Musik sonderlich gebrauchen" kann. Opitz definiert die Gattungen also vor allem nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind. Heute bezeichnen wir Satire, Elegie und Hymne als Unterbegriffe der Lyrik. Lyrik steht heute als Gattung gleichberechtigt neben Epos und Drama und alle Werke der Literatur gehören einer dieser drei Gattungen an. Es ist also, wie du gesagt hast. Der Begriff umfasst viel mehr als singbare Gedichte, aber der Begriff ist auch so ausgeweitet, dass es fast scheint, als fiele jeder Text, der kein Drama und kein Roman ist, der dritten Gattung zu, wäre also Lyrik.
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
das finde ich absolut nicht ok. lyrik als abfalleimer für alles, was nicht drama ist und nicht roman ist, das kann es doch nicht sein. da mache ich es lieber wie opitz: lyrik ist etwas, das singbar ist oder wenigstens sprachlich an gesang erinnert. damit kann ich dann wenigstens etwas anfangen. Wer ist denn eigentlich darauf gekommen, dass es drei gattungen der literatur geben muss? und was soll der grund sein? warum drei und nicht mehr, wie bei opitz? Ich finde das ist schubladendenken.
lg ralph


Lieber Ralph,
immer langsam mit den jungen Pferden. Du wirst doch Goethe nicht Schubladendenken vorwerfen wollen! Er hat diese Einteilung vertreten, und seine Autorität war wohl entscheidend dafür, dass sich diese Meinung durchgesetzt hat und bis heute besteht.
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
ich habe mich schlau gemacht. goethe, die ballade als ur-ei der poesie. es ist doch nicht so blöde, was der olle goethe sagt und mit dem schiller in briefen twittert. interessant finde ich, er schaut gar nicht so sehr auf den text, sondern auf die haltung des dichters und auf die art, wie er das, was er sagt darstellt. der epiker sitzt vor dem publikum und erzählt ein märchen oder sonst eine begebenheit, die normalerweise lange vergangen ist. der rest hört zu. der dramatiker stellt alles so dar, als ob es jetzt gerade passiert. heute ist, mit film, tv, pc, video etc. fast alles drama. ein lyriker, also so verstehe ich Goethe, involviert seine hörer in sein eigenes inneres, genauso wie der sänger zum mitsingen anregt. er bewegt die hörer dazu, seine gefühle nachzufühlen. spiegelneuronen! also, wenn ich den goethe richtig verstanden habe, ist die lyrik die sozialste der drei gattungen, das gefällt mir. lg. ralph


Hallo Ralph,
Goethe war ein sehr charismatischer Mensch, aber kein Schamane mehr wie Orpheus, denn der aufgeklärte Mensch seiner Zeit war inzwischen verständig geworden. Selbst Religion wurde hinterfragt. Aber er war ein Genie, welches, vergleichbar mit dem archaischen Schamanen, die Harmonie des Universums erahnen kann, um sie seinen Mitmenschen auf kunstvolle Weise mitzuteilen. Deswegen ist zu Goethes Zeit die "schöne Kunst" das wesentliche, wenn nicht sogar einzige Mittel zur Verbesserung, zur "Veredelung" des Menschen und der Gesellschaft. Das ist die Grundlage für Goethes "soziale" Vorstellung von Lyrik- Das hat er mit seinem Freund Schiller ausführlich diskutiert.
Viele Grüße
Thomas


hi tom,
wenn man lyrik so sieht wie goethe, dann sind die typischen einsiedler-poeten, die nur ihre individuellen seelenknoten und rätselhaftes bringen, eigentlich gar keine lyriker. eigentlich sind sie auch keine epiker, und dramatiker erst recht nicht. wenn ich mal annehme, dass es zu goethes zeit so war, wie er sagt, dann hat sich danach der begriff davon, was ein lyriker ist, ziemlich verändert. aber die worte für die drei gattungen sind geblieben, obwohl sie vielleicht gar nicht mehr passen. egal, ich finde jedenfalls genau die art, so zu schreiben, als wäre man nur alleine auf der welt, wie ich sie selber hatte und die mich mittlerweile an mir selbst nervt. damit mache ich schluss. ich werde in zukunft für alle singen und mit möglichst vielen zusammen.
lg ralph


Lieber Ralph
Ja, der moderne Dichter ist in der Tat ganz alleine auf der Welt. Die Philosophen haben die Harmonie des Universums zerschlagen und die Verbesserung der Gesellschaft durch Kunst für unmöglich erklärt. Statt "schöner Kunst" blieb nur noch "L'art pour l'art" Der moderne Dichter rettet sich ein wenig Genie bzw. Schamanentum, indem er als vereinzeltes Individuum möglichst losgelöst von allen Gesetzen in den einzelnen Worten das Mysterium sucht, welches der Welt verloren ging. Auch ich vermute, dass das eine Sackgasse ist, und glaube, du hast den richtigen Ansatz gewählt, wenn du versuchst, den allgewaltigen Orpheus in dir wiederzuentdecken.

Ich schicke dir deshalb folgende Worte Schillers (aus "Über Bürgers Gedichte") als Bestätigung und zum Nachdenken: "Begeisterung allein ist nicht genug; man fordert auch die Begeisterung eines gebildeten Geistes. Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muss es also wert sein, vor der Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren".
Liebe Grüße
Thomas


Hi tom,
das ist hart, aber super. muss wohl etwas an mir arbeiten. das relativiert das ganze theoretisieren. einen hohen anspruch hatte der schiller, das ist klasse. und vor allem ist es eine lösung für das einsiedlerproblem. deswegen hast du mir das zitat ja geschickt.
lg ralph


Lieber Ralph,
ja, klasse und klassisch, aber jetzt höre vor lauter Schreck nicht auf, Gedichte zu schreiben, sondern nun erst recht.
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
natürlich nicht! es stimmt doch. jeder ist etwas ganz besonderes. Das herauskehren von individuellem ist deswegen eigentlich albern, man ist ja ein individuum. aber, das ist der knackpunkt, wenn ich, oder irgendwer sonst, etwas schreiben will, was alle anderen genau so bewegt und ergreift wie mich selbst, dann muss ich in mir etwas haben, was auch in anderen ist. Und das geht nur auf eine weise und mit dingen, die ganz menschlich sind für alle. das sagt schiller, und ich finde das ganz logisch. und wenn ich etwas ganz besonderes machen will, muss ich auch selbst erst etwas ganz besonderes sein – also dafür sorgen, dass ich es werde.

ich habe mir übrigens "Über Bürgers Gedichte" besorgt. der arme, der bekommt ganz schön einen drauf. ok, ist schnee von gestern. aber hier ist noch eine stelle, die ist super, ich meine für mich. lies mal das: "Eine der ersten Erfordernisse des Dichters ist Idealisierung, Veredlung, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen. Ihm kommt es zu, das Vortreffliche seines Gegenstandes... von gröbern, wenigstens fremdartigen Beimischungen zu befreien, die in mehreren Gegenständen zerstreuten Strahlen von Vollkommenheit in einem einzigen zu sammeln, einzelne, das Ebenmaß störende Züge der Harmonie des Ganzen zu unterwerfen, das Individuelle und Lokale zum Allgemeinen zu erheben. Alle Ideale, die er auf diese Art im Einzelnen bildet, sind gleichsam nur Ausflüsse eines innern Ideals von Vollkommenheit, das in der Seele des Dichters wohnt" das ist genau das geheimnis von orpheus, du verstehst, der lasereffekt!
lg ralph


Lieber Ralph,
das ist lange her, seit Schiller das schrieb, und es gibt viele Gedanken über Dichtung, die dem widersprechen. Das liegt wohl mehr daran, dass jeder etwas anderes unter Kunst versteht, als daran, dass sich inzwischen der moderne Mensch grundlegend verändert hätte. Übrigens haben wir bisher überhaupt nicht über Dinge wie Reim, Vers- und Strophenform, Metrum, Rhythmus, Prosodie etc. gesprochen. Das ist nicht ganz unwichtig. Goethe sagte: "Wer Großes will, muss sich zusammenraffen. / In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, / Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben."
Liebe Grüße
Thomas


hi tom,
ist ja klar, das können wir später machen, mit beispielen am besten. ich will nicht abwimmeln, im gegenteil. mir ist nun ganz klar, dass ich an mir selbst arbeiten muss und gleichzeitig das handwerkszeug des dichters erlernen muss. und ich habe schon eine idee bekommen, wie ich nun vorgehen werde. das passt sogar ganz gut zu dem goethe-spruch. ich werde gedichte von den guten übersetzen, mein Englisch reicht dazu aus, wahrscheinlich fange ich mit shakespeare an. dabei lerne ich bestimmt eine menge. ich bin gerade dabei, etwas zu suchen. verstehst du, ich will metrum, reim, strophen etc. nicht abwürgen. ich hab da ja auch schon einiges gelesen, aber das ist doch immer nur hinterher sinnvoll, wenn man etwas fertiges analysiert. zuerst muss man lernen, etwas zu selbst machen, etwa so, wie die maler die bilder von großen künstlern nachzeichnen und dadurch lernen, damit sie später selbst kreativ wirklich neues malen können. und mit der sprache ist das genauso, wie mit bildern.
lg ralph


hi tom,
ich habe etwas noch besseres gefunden. fragmente! fragmente von schiller. da kann man so richtig sehen, wie aus seinen gedanken gedichte werden. in dem fragment sieht man ganz genau, wie das bei ihm geht. das beste ist folgendes. schiller hatte nämlich auch den plan, ein gedicht auf orpheus zu schreiben und es dann aus irgendwelchen gründen nicht getan. eigentlich schade, aber auch gut, denn ich werde es jetzt schreiben, und versuchen, so gut wie schiller zu sein, jedenfalls soll er sich nicht im grab umdrehen. hier ist das fragment.

Orpheus in der Unterwelt

Gedräng im Orkus, Bewegung, Saitenklang durch das stille Reich.

Orpheus mit der Leier, auf ihn eindrängende Larven, Er immer vorwärts schreitend und mit dem Klang der Saiten sie von sich wehrend. Die Töne der Leier bilden einen Lebenskreis um ihn her, dass er, ein Lebendiger, jugendlich Blühender, ungefährdet durch die Schatten geht, obgleich immer von neuen Scheusalen bedroht. So gelangt er, unter Begleitung zahlloser Schatten, ein mächtig Schreitender, bis zum Thron des stygischen Königs. Erstaunlich, allgemeines über das Abenteuer.

Beschreibung des Lokals; alles geisterhaft, gierig, farb- und gestaltlos.

Er redet den Schattenbeherrscher an und fordert seine Gattin zurück: "Nimm das Alter, aber schone die Jugend" etc. Eindruck seiner Rede, Gebärdung der Schatten, Macht der Leier.

Antwort des Schattenbeherrschers, dass Orpheus seine Macht besingen soll.

Orpheus weigert sich, den Tod zu singen, aber dem Leben stimmt er jetzt ein Lied an. – Der Hymnus auf das Leben, in der Hölle gesungen, vor Toten und Geistern: 1. Das Licht, die Farbe, die Wärme, die Gestalt, die Fülle, die Schönheit. Meer und Land. – Erstaunen der Manen. 2. Der Schall, die Stimme, die Melodie, die Leidenschaft. Refrain. 3. Der Genuss: Leben, Lieben, Beleben! – – –


super! Ich bin schon dabei und habe ein paar ganz gute ideen.
lg ralph


Lieber Ralph,
Respekt! Da hast du dir ja ein hohes Ziel gesteckt, ein hohes Ziel, welches ja nur ein Zwischenziel sein kann, denn dein eigentliches Ziel ist es, so zu schreiben, wie Shakespeare, Goethe und Homer heute schreiben würden, und das in einer schnelllebigen Zeit voller Augenmenschen, die sehr oberflächlich lesen, das ist noch einmal ein großer Schritt! Aber ich glaube, du bist auf dem richtigen Weg. Ich bin auf deine Schiller-Koproduktion gespannt.
Liebe Grüße
Thomas


Hallo Thomas,
ich habe mir gedacht, ich schreibe auch beim Chatten etwas ordentlicher nicht nur beim Dichten. Große Buchstaben machen das Lesen leichter, z.B. Dass dieses nur ein Zwischenziel ist, ist mir klar, es gibt im Grunde doch nur Zwischenziele. Hier ist die Ballade. Hoffentlich schreibst du mir nicht eine Rezension von der Art, wie sie Schiller dem armen Bürger geschrieben hat. Aber so ganz vermiesen kann mir die Orpheus-Ballade keiner. Ich bin jedenfalls vorerst zufrieden damit.


Orpheus in der Unterwelt
nach einem Fragment Schillers

"Charon, lenke deine Fähre
durch des Totenflusses Schlund;
deinen Dienst mir nicht verwehre,
nimm den Lohn aus meinem Mund.
In den Hades muss ich gehen,
muss Euridyke dort sehen."

"Orpheus, dort im Schattenreiche
kennt man nicht die Kraft der Lieder.
Vor der Todesschwelle weiche!
Keiner kehrt vom Hades wieder
in des Lebens Licht zurück –
nicht durch Taten, nicht durch Glück."

Orpheus schlug die goldne Leier,
schilderte mit Trauerklange,
wie sie, fliehend vor dem Freier,
trat auf jene gift'ge Schlange.
"Ach, sie musste grausam sterben,
durch des lüst'ren Gottes Werben!"

Charon bindet los den Nachen,
rudert schweigend durch die Wellen,
rudert in der Hölle Rachen.
Kerberos mit grimmem Bellen
tobt und geifert, fletscht und springt.
Orpheus geht vorbei und singt.

Und es klingt sein helles Singen
vorwärts in die graue Leere,
ohne Wirkung zu vollbringen,
ohne Echo, wie am Meere
kraftlos jeder Ton verweht
und im Rauschen untergeht.

Lauter schlägt er nur die Saiten,
schöner malt er Melodien,
noch entschloss'ner wird sein Schreiten
zu dem styg'schen Throne hin.
Ernst, mit hocherhob'nem Blick
füllt den Raum er mit Musik.

Aus den Winkeln, aus den Ecken
lugen Larven scheu hervor,
staunend, zweifelnd, mit Erschrecken.
Welcher Klang durchdringt das Ohr?
Bringt zurück vergess’ne Zeit,
weckt was, ach, so weit, so weit! –

Überall entsteht Bewegung,
Schatten seufzen, flattern, schwirren,
bald ist überall Erregung,
kaltes Schnarren, Zischen, Klirren:
"Er will uns die Ruhe stören!"
"Ha, er wagt, uns zu betören!"

Orpheus mutig weiterschreitet.
Geister drohend ihn umringen;
doch von Zauberhand geleitet,
weichen sie vor seinem Singen,
bilden eine freie Bahn
bis zu Hades' Thron hinan.

Hades sieht auf Orpheus nieder,
spricht mit kalten Herrscheraugen:
"Spare deine Klagelieder,
die im Schattenreich nichts taugen!
Kannst den Tod nicht übertönen
wie am Meer einst die Sirenen.

Meiner höchsten Macht muss weichen,
was dem Erdenschoß entspringt,
Tiere, Menschen, deinesgleichen,
alles vor mir niedersinkt!
Orpheus! Höre mein Gebot:
Preise meine Macht – den Tod!"

"Nicht dem Tode sing' ich Lieder,
singen will ich nur dem Leben.
Meine Gattin gib mir wieder,
meiner Gattin gib das Leben!"
Orpheus schließt die Augen, singt,
was ihm in der Seele klingt.

"Singen will ich nur dem Leben,
nur der Sonne will ich singen,
will zum Licht das Auge heben
will mich über Wolken schwingen,
will in buntem Farbgewimmel
mich im Tau der Blüten brechen,
blitzen will ich hoch im Himmel,
mächtig wie der Donner sprechen;
will lebendig überschauen
Tal und Berge, Fluss und Auen,
will umschließen um mich her
allumfassend, wie ein Meer."

Staunend stehen alle Mahnen,
sie verspüren das Bedeuten,
sie ergreift ein fernes Ahnen
längst vergess'ner Lebensfreuden.
Orpheus schließt die Augen, singt,
was ihm in der Seele klingt.

"Ich preise dich, du schöner Schall,
das Echo, das der Berg mir bringt,
den Jubel, den die Lerche singt,
das sanfte Rauschen überall.

Ich preis' die heil'ge Melodie,
die aus dem reinen Busen quillt,
das Herz erregt, die Sinne stillt,
dich Seelenknospe Phantasie!

Oh Melodie! Oh süßer Schall!
Wie macht ihr diese Welt so reich,
lebendig klingend, niemals gleich,
im Kleinsten stets ein ganzes All." –

Alle Geister sinnend stehen,
fühlen trauernd mit dem Gatten.
Selbst die Furien vergehen
nur zur ahnungsvollen Schatten.
Orpheus schließt die Augen, singt,
was ihm in der Seele klingt.

"Des Frühlings tändelnde, spielende Triebe
umtummeln die Blüte in trunkener Lust.
Des Sommers Erwärmen bekräftigt die Liebe,
den Samen erziehend in fühlender Brust,
um bald in des Herbstes farbigem Reigen
der Liebe lebendige Früchte zu zeigen.

Oh, lasst meine Gattin, die liebliche Blüte,
im Frühling gerissen zum Hades hinab,
oh lasse, wie sommerlich wärmende Güte,
sie huldreich entsteigen dem finsteren Grab,
lass wachsen und reifen uns Früchte und Glück,
dann kommen wir gerne gemeinsam zurück." –

Seht, Persephone, sie weint,
fleht zu ihrem finstern Gatten,
dass die beiden er vereint
freigibt, aus dem Reich der Schatten!
Orpheus schließt die Augen, singt,
was ihm in der Seele klingt.

"Die Hoffnung durchweht selbst Wüste und Stein
sie findet den glimmenden Kern
und haucht ihm neues Leben ein,
und weist auf den schönsten Stern allein,
damit der glimmende Funken erkennt,
wie groß das kleinste Licht doch brennt.

In Schönheit erzeugt die Liebe ein Lied,
eröffnet die ehrliche Brust,
bewirkt, dass ohne Unterschied
bald alles nach Herzenslust erblüht,
und selbst zu Schatten in ewiger Nacht
hat Rührung sie und Freude gebracht."

Verwundert spricht der Herr der Schatten:
"Du wagst es, solch ein Lied zu singen,
von Liebe zu dem treuen Gatten!
Du wagst des Todes Macht zu zwingen!" –
Dann schickt er schnell den Sänger fort
und spricht das düstre Richterwort:

"Selbst Schatten rührten deine Lieder.
Es sei gewährt die kühne Bitte.
Ich gebe dir die Gattin wieder.
Sie folge schweigend deinem Schritte;
doch wendest du dich um nach ihr,
bleibt sie für alle Zeiten hier!"


Veröffentlicht: Gedichte-eiland, dieLyriker 31.03.2012