Eine kurze Geschichte
über die poetische Wahrheit von Schillers Bürgschaft


Friedrich Schiller ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. Längst war der Mond aus der sternklaren Augustnacht versunken und der Morgen dämmerte. Sogar die frühen Rotschwänzchen sangen schon. Bald würde vom Berg herüber die Sonne seine neue „Gartenzinne“ bescheinen. Schiller trat ans Fenster, blickte in das Gärtchen und atmete tief die frische Morgenluft.

Er war über sich selbst erstaunt. Wieso hatte ihn nicht eine tiefe Erschöpfung befallen? Goethe war wieder nach Weimar zurückgefahren. Unmittelbar zuvor hatte er ihm den letzten Akt seines Wallenstein-Dramas vorgelesen. Endlich war diese Arbeit bewältigt. Noch im Januar hatte er ausgerufen: „Wie will ich dem Himmel danken, wenn dieser Wallenstein aus meiner Hand und von meinem Schreibtisch verschwunden ist. Es ist ein Meer auszutrinken, und ich sehe manchmal das Ende nicht.“ Nun war dieses Meer ausgetrunken, aber Ruhe trat nicht ein; im Gegenteil! Wie nach einem Sommergewitter alle Quellen und Rinnsale hervorsprudeln, so sprangen viele Gedanken in seinen Kopf, welche während der großen Arbeit hatten beiseitegelegt werden müssen.

Die ganze Nacht war er rastlos auf und abgegangen. Sein neues Drama stand ihm wie ein gigantisches Zeitengemälde auf einmal vor Augen und wie in einem gewaltigen Akkord stand es als Gesamtheit vor seinem inneren Ohr. Sein Geist schritt gewaltig fort. Die gesellschaftliche Tragödie des Dreißigjährigen Krieges, sie war ja nur eine Welle in der Geschichte Fluten. Gewaltige Kräfte, Herrscher und Heeresmassen, Schrecklichkeiten und höchstes Gutes, alles das hatte sich im Wechsel von Blütezeiten der Menschheit und finsteren Zeitaltern ausgetobt.

Was war von der Zukunft zu erwarten?

Seine Hoffnungen auf die unmittelbare Verwirklichung des freiheitlichen Staates waren dahin. Genau sechs Jahre war es her, als die französische Nationalversammlung in Paris ihn zum „Ehrenbürger der französischen Revolution“ ernannt hatte. Welcher Terror, welche Kriegswirren waren gefolgt! Als schließlich im März dieses Jahres die Pariser „Ehrenurkunde“ in Jena eintraf, da kam sie wie „aus dem Reich der Toten“; alle Männer, welche sie unterschrieben hatten, waren längst der Guillotine zum Opfer gefallen. Ja, der Untergang des niederdrückenden Feudalsystems war besiegelt, Valmy war das Menetekel! Aber das leichte Band, woran der erhoffte freie Staat hätte geknüpft werden müssen, war vom Terror der Guillotine zerschnitten.

Schaudernd dachte Schiller an den jungen, von Ehrgeiz getriebenen General, dessen Karriere unter Robespierres „Terreur“ begann, dessen Aufstieg seit der Niederschlagung des royalistischen Aufstands in Paris vorgezeichnet schien und dessen selbstherrlicher Charakter sich deutlich in Loeben und Campofornio gezeigt hatte. Alle die jetzt noch, geängstigt von Chaos und gesellschaftlichem Verfall, die Entschlossenheit und Kraft dieses Kriegshelden schätzten und die blendende Fleckenhaut des Tigers bewunderten, würden sich bald ernüchtert und schaudernd von dem Gräuel abwenden, die seine Gewaltherrschaft notwendig mit sich bringen musste. Dieser Charakter wird die Geschicke der Menschheit nicht in eine Richtung lenken, die den erhofften freien Staat fördert. Im Gegenteil, Schiller konnte sich schon ausmalen, wie dieser Emporkömmling sich bald in der Rolle eines Konsuls oder gar im Kostüm eines römischen Imperators gefallen werde.

Schillers Gedanken streiften weiter fort. Gegen allen Widerstand der Welt und den Hohn derer, die sich als weltweise bezeichneten, bestand er mit allen Fasern seines Wesens auf der Möglichkeit einer Staatsordnung, die jeden Menschen, jeden! förderte, damit er alle seine gottgegebenen Möglichkeiten entfalten könne. Sein Geist durchstreifte Zeiten und Länder, Völker und Sitten. Seine Wangen glühten. Wie war es möglich, dass die schönen Blüten der griechischen Kultur, dass die Hoffnungen Athens unter dem kalten Pomp des Römischen Imperiums erstarrten und Jahrhunderte eines finsteren Zeitalters Kunst, Kultur und Technik vergessen machen konnten? Welches Leid wäre der Menschheit erspart geblieben, wäre es damals möglich gewesen, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu fallen!

Platon!

Plötzlich stand, wie ein alter Freund, der unerwartet zu Besuch kommt, die herrliche Gestalt Platons vor Schillers Geist. Er setzte sich in den Sessel und blickte nachdenklich auf das rötlich schimmernde Muster, mit dem die ersten Sonnenstrahlen sein Fenster auf der blauen Tapete abzeichneten. Er dachte an Platons Siebten Brief. Wie klar leuchteten diese Worte aus dem Dunkel der Vergangenheit. Über zweitausend Jahre war das nun her. Platons Schüler und Freund Dion war gerade in Syrakus einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. In dieser Lage sagt Platon den neuen Machthabern: „Wäre es aber hier, unter meinem Freund Dion, tatsächlich zur Vereinigung von Philosophie und Herrschermacht in einer Person gekommen, so wäre dies ein leuchtendes Vorbild für die ganze Menschheit, Hellenen wie Barbaren, geworden!“ Gegen alle Widerstände und praktischen Erwägungen der Machtpolitik sagt Platon den Mördern Dions, dass sie unbedingt dessen Politik fortsetzen müssten, denn in diesem historischen Moment hinge die Zukunft Siziliens, ja der ganzen Menschheit davon ab, ob es gelänge, einen neuen Staatstyp, den Staat der Philosophenkönige, zu errichten. Wie recht hatte Platon damals, als er schrieb: „Es wird also die Menschheit, so erkläre ich, nicht eher von ihren Leiden erlöst werden, bis die berufsmäßigen Vertreter der echten und wahren Philosophie zur Herrschaft im Staate gelangen.“

Schon als Jüngling war Platon ganz erfüllt gewesen vom Drang nach staatsmännischer Betätigung. Doch die Erfahrung, wie mit seinem Freund Sokrates umgegangen wurde, wie man diesen ungerecht zum Tode verurteilte, entfernte ihn von der Politik und von Athen. Zwar fuhr er fort darüber nachzudenken, wie sich im gesamten staatlichen Leben ein Umschwung zum Besseren finden ließe, für das eigene praktische Eingreifen wollte er aber auf den günstigen Zeitpunkt warten.

Wie schön war es, solch einen Geistesfreund zu haben, der zu einem vergleichbaren Zeitpunkt — obwohl zwei lange Jahrtausende voneinander getrennt —, zu einem Zeitpunkt, wo ein großer Moment ein zu kleines Geschlecht vorfindet, völlig gleichartig denkt. Ein Lächeln huschte über Schillers Gesicht: Die Politeia, dieses große Werk hatte Platon zur Erziehung von Staatsbürger geschrieben, genau wie ich meine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, die im Grunde von der Errichtung des freien Staates handeln. Nicht durch Macht oder Gewalt und nicht durch Dolche lässt sich der freie Staat herbeiführen, sondern durch die Charakterbildung der Bürger. Für diese Erziehung des Charakters ist die schöne Kunst von großer Bedeutung, nicht nur die Philosophie, wie Platon schrieb.

Schiller wollte Platons Siebten Brief nochmals zur Hand zu nehmen, aber er brauchte ihn gar nicht zu lesen, so deutlich hatte sich ihm eingeprägt, was Platon berichtete. Platon beschrieb, wie schnell zu seinen Lebzeiten der Verfall der alten Ordnung im gesamten griechischen Kulturkreis voranschritt. Syrakus war die letzte hellenische Großmacht geblieben. Dort, wenn überhaupt irgendwo, musste Platon den Hebel ansetzen. Von dieser Überzeugung durchdrungen war Platon nach Sizilien gereist, um den mächtigen Tyrannen Dionysios den Älteren zur Verwirklichung seiner Staatslehre zu gewinnen. Doch bald musste er unverrichteter Dinge wieder abreisen.

Ganz vergeblich war diese erste Reise nach Syrakus nicht geblieben, im Gegenteil, sie war von unschätzbarem Gewinn. Platon hatte nämlich Dion kennengelernt, der sich die ihm erteilten Lehren rasch und mit großem Eifer aneignete, wie keiner der Jünglinge, die er bis dahin unterrichtet hatte. Als nach dem Tode des Tyrannen Dionysos dessen Sohn Dionysios der Jüngere an die Macht kam, versuchte Dion den noch formbaren Herrscher von Syrakus zum Philosophenkönig zu entwickeln und bat Platon, er möge noch einmal nach Syrakus kommen, um ihm dabei zu helfen.

Wenn Platon seine Entwürfe für Gesetzgebung und Staatsordnung verwirklichen wollte, so war jetzt der Zeitpunkt gekommen. Bei seiner Ankunft fand er aber die ganze Umgebung des Dionysios voller Zwietracht und Dion wurde verleumdet, er strebe nur danach, selbst der Tyrann von Syrakus zu werden. Schon nach drei Monaten ließ Dionysios den Dion unter der Beschuldigung, die Herrschaft an sich reißen zu wollen, mit Schimpf und Schande außer Landes bringen. Wieder war der Versuch gescheitert, den Tyrannen zu erziehen. Platon selbst wurde von Dionysios in Syrakus festgehalten. Zwar zeigte sich Dionysios gegenüber Platon freundlich; wünschte aber, dass er ihn mehr loben sollte als den Dion. Mit größter Eifersucht erstrebte Dionysios, dass Platon die Freundschaft zu ihm höherstelle als die zu Dion.

Schließlich machte dieser Dionysios der Jüngere Platon sogar zum Bürgen dafür, dass Dion nicht etwa Anschläge gegen ihn unternähme. Dann ließ Dionysios Platon aus der Burg entfernen und unter Söldnern in Hausarrest nehmen, wo er seines Lebens keinen Tag sicher sein konnte. Platon befand sich persönlich in einer verzweifelten Lage, gleichwohl sah er es aber als seine unumgängliche Pflicht, noch ein Jahr auszuharren, bevor er schließlich Syrakus verlassen konnte. Kurz darauf landete Dion tatsächlich mit nur 800 Söldnern in Sizilien und zog kampflos in Syrakus ein. Dionysios floh nach Korinth. Dion wurde als gesetzlicher Herrscher der Stadt anerkannt und versuchte, Platons Ideen in die Tat umzusetzen, scheiterte aber am Widerstand der Befürworter der Tyrannis. Er konnte sich nur drei Jahre an der Macht halten. Als er dann ermordet wurde, war mit dem nun einsetzenden Chaos in Sizilien der Untergang des hellenischen Kulturkreises besiegelt. Es folgte das Römische Imperium, finstere Zeitalter voller Gewaltherrscher, Zwangsstaaten und tyrannischen Feudalherren.

Schiller sprang aus dem Sessel auf und lief wieder im Zimmer auf und ab. Urplötzlich war ihm ein altbekannter Dreizeiler eingefallen:

Als Dionys von Syrakus
Aufhörte, ein Tyrann zu sein,
Da ward der ein – Schulmeisterlein.

Diesen Spottvers, den Christian Schubart auf Karl Eugen von Württemberg gemacht hatte, war einer der Gründe für die zehnjährige Festungshaft, die der tyrannische Herzog über Schubart verhängt hatte. Dionysios war in der Tat Lehrmeister für Sprache und Schrift, als er von Dion vertrieben in Korinth lebte. Schubart, der umfassendes Wissen über die Geschichte der Musik besaß, kannte als Quelle dafür den aristotelischen Musiktheoretiker Aristoxenes. Und dessen Geschichte verlieh dem scheinbar harnlosen Spottvers die politische Schärfe, die den Herzog, auf den er gemünzt war, so erzürnte.

Schiller hielt nachdenkend inne. Welches war nochmal die Geschichte, die ihm Schubart damals erzählte, als er ihn auf dem Hohenasperg besuchte? Der Herzog wollte ihn durch den Besuch im Kerker erschrecken und vom Schreiben abbringen. Er aber hatte versucht, Schubart aufzumuntern, und mit ihm über wahre Freundschaft gesprochen. Und da erzählte Schubart, mühsam aus dem Gedächtnis hervorbringend, die Geschichte einer Freundschaft. Sie stammte von Aristoxenes, der sie persönlich in Korinth aus dem Munde des jüngeren Dionysios hatte. Sie handelte von zwei befreundeten Philosophen, von denen der eine wegen angeblicher Verschwörung gegen Dionysios zum Tode verurteilt wurde, und an dessen Stelle der andere Freund als Bürge im Palast blieb. Alle verspotteten den Bürgen, da keiner an die Rückkehr des Freundes glaubte. Als der Freund vor Sonnenuntergang zur Vollstreckung des Todesurteils zurückkam, war Dionysios überwältigt, umarmte beide und bat, sie mögen ihn als dritten in ihrem Freundschaftsbund aufnehmen. Die Freunde lehnten jedoch ab. Das war die Geschichte von Dionysios, die er schon fast vergessen hatte. In welchem neuen Lichte erschien sie nun!

Vom klaren Berg herüber stieg die Sonne. Schiller ging zum Regal, griff, als wäre es das einzige Buch im ganzen Zimmer, aus den kreuz und quer liegenden Bücherstapeln das Buch heraus, welches ihm Goethe kürzlich zugesandt hatte, und schlug es auf. Nach kurzem Blättern hatte er die Stelle gefunden. Seine Augen flogen über die Erzählung des Hyginus:

„Als in Sizilien der höchst grausame Tyrann Dionysios herrschte und sei- ne Bürger qualvoll hinrichtete, wollte Möros den Tyrannen töten. Die Trabanten ergriffen ihn und führten den Bewaffneten zum König. Im Verhör antwortete er, er habe den König töten wollen. Dieser befahl, ihn ans Kreuz zu schlagen. Möros bat um einen dreitägigen Urlaub zur Verheiratung seiner Schwester; er wolle dem Tyrannen seinen Freund und Genossen Selinuntius überliefern, der dafür bürgen werde, dass er am dritten Tage zurückkehre. Der König gewährte ihm den Urlaub zur Verehelichung der Schwester und erklärte dem Selinuntius, wenn Möros nicht an dem Tage sich einstelle, so müsse er die Strafe erleiden; doch Möros wäre dann frei. Als dieser nun die Schwester verehelicht hatte und auf dem Rückweg war, schwoll plötzlich der Strom durch Sturm und Regen so an, dass man weder zu Fuß noch schwimmend hinüber konnte. Möros setzte sich ans Ufer und begann zu weinen, dass sein Freund für ihn sterben solle. Der Tyrann aber befahl den Selinuntius ans Kreuz zu schlagen, weil schon sechs Stunden des dritten Tages vorüber waren und Möros nicht erschien. Selinuntius entgegnete, der Tag sei noch nicht vorbei. Als nun schon neun Stunden verflossen waren, befahl der König, den Selinuntius zum Kreuz zu führen. Während er hingeführt wurde, erst da holte Möros den Henker ein, nachdem er glücklich über den Fluss gekommen war und rief aus der Ferne: Halt, Henker, da bin ich, für den er gebürget! Die Begebenheit wurde dem König gemeldet. Dieser ließ die beiden Freunde vor sich führen, bat um Aufnahme in ihre Freundschaft und schenkte dem Möros das Leben.“

Schiller blickt vom Buch auf. Durchs Fenster drang die milde Augustsonne und im hellen Garten wob sich ein heiterer Farbenteppich. Leuchtend klar stand vor seinem Geiste die tiefe Wahrheit, die sich hinter der verschleierten Gestalt dieser Geschichte verbarg. Schon eilte seine Feder über das Papier:

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
„Was wollest du mit dem Dolche, sprich!“
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
„Das sollst du am Kreuze bereuen.“

„Ich bin“, spricht jener, „zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen -
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.“...

Zeile für Zeile flog auf das Papier, Schillers
Gedanken eilten den Fingern voraus:

„Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.“

Nicht der Dolch, nicht die Gewalttätige Revolution besiegt die Tyrannei, sondern die Kraft des Charakters. Der Kern der ästhetischen Briefe war in dieser für Kinder nachvollziehbaren Ballade ausgedrückt. Schiller erfüllte große Freude, die ihm fast die Tränen ins Auge trieb. Er legte die Feder beiseite und trat in den Garten hinaus. Milde Luft empfing ihn und ein leiser Gruß rauschte ihm von den Kronen der Bäume entgegen. Weit hinter ihm lag das Alltägliche in wesenlosem Scheine. Er war froh! Er hatte plötzlich wieder Lust auf Balladen bekommen. Im Buch des Hyginus war noch reichlich Stoff vorhanden. Alles versprach, ein herrlicher Tag zu werden. Mit nächster Post sollte die Bürgschaft nach Weimar gehen. Schiller trat aus dem Gartentor und ging mit weit ausgreifenden Schritten am Ufer des Leutra-Baches entlang zur Saale hinunter. Auch die Drachen-Geschichte bei Hyginus schien für eine Ballade geeignet, und dann musste auch noch das Eleusische Fest fertiggestellt werden...


Ralf Schauerhammer