Jubiläumsreise des Partnerschaftsvereins
Wiesbaden-Istanbul/Fatih
vom 26. bis 30. Oktober 2013.


Ein persönlicher Reisebericht von Lutz Schauerhammer

Vor genau einem Jahr gründete sich der Partnerschaftsverein Wiesbaden-Istanbul/Fatih. Anlässlich des einjährigen Bestehens lud der Vorstand, Herr Dr. Tilemann und Herr Dr. Jürgens, nun zu einer Reise nach Istanbul ein. Dies war eine gute Gelegenheit für Lutz Schauerhammer, den Vorstand der Dichterpflänzchen, mit der Vereinsführung und den Mitgliedern persönliche Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Zudem ergab sich durch die Teilnahme die Möglichkeit, wieder einmal die „alten“ Freunde der Dichterpflänzchen in Istanbul zu besuchen.

Die Tage waren ausgefüllt mit interessanten und abwechslungsreichen Ausflügen mit qualifizierten Führern und Führerinnen; dennoch gab es auch Raum für individuelle Unternehmungen. Im Einzelnen werde ich auf das umfangreiche Reiseprogramm nicht eingehen, aber das offizielle Willkommen durch den Bürgermeister und fünf Mitglieder des Stadtparlamentes von Fatih möchte ich später doch kurz erwähnen.

Bei der Ankunft am Samstag, den 26. Oktober war mein Freund Mert zusammen mit seiner Frau Selcuk am Flughafen und brachte mich unabhängig von der Reisegruppe, die mit einem Bus der Gemeinde Fatih abgeholt wurde, ins Hotel „Golden City“ am Goldenen Horn. Vom Restaurant im 10. Stock bot sich ein herrliches Panorama auf die historischen Stadtteile.
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Blick vom Dach des Hotel Golden City am Goldenen Horn

Am nächsten Morgen folgte der schon fast traditionell zu nennende Rundgang zu den historischen Gebäuden in Fatih. Zuerst besuchten wir die Chorakirche, gingen über das Hypodrom zur Blauen Moschee und nach der Mittagspause weiter zur Hagia Sofia und wandelten anschließend durch dem Topkapi Palast. Am Nachmittag wurde, zum krönenden Abschluss, eine Bootsfahrt auf dem Bosporus angeboten.

In Ortaköy, ein Stadtteil an der ersten Bosporusbrücke auf der asiatischen Seite gelegen, stieg ich aus, um mich mit meinem Freund Mert zu treffen. Er hatte für Selcuk, seinen Schwager Mustafer und mich Theaterkarten besorgt und so saß ich plötzlich in einem türkischen Schauspiel, welches die Gerichtsprozesse des Jahres 1968 gegen die Führung der türkischen kommunistischen Partei schilderte. Nach dem Schauspiel fuhren wir noch in ein Fischrestaurant zum Abendessen. Das Verbot Alkohol auszuschenken wurde in diesem Restaurant schon befolgt.

Am Montag, den 28. Oktober fand der offizielle Teil unseres Jubiläumsbesuches statt. Ich hatte versucht meine Freunde mitzubringen. Die Gastgeber und der Vorstand des Partnerschaftsvereins hatten zugestimmt, aber außer Mert hatte keiner Zeit am 9-Uhr-Empfang in der Stadtverwaltung von Fatih teilzunehmen. Erst zum Abendessen kam neben Mert und Selcuk auch der befreundete Autor und Übersetzer Senail Özkan hinzu.

Der Empfang begann mit einer persönliche Begrüßung jedes Teilnehmers durch den Bürgermeister Herrn Dr. Mustafa Demir. Darauf folgte eine große Kennenlernrunde, beiderseitige Grußworte und der Geschenkesaustausch. Ich überreichte dem Bürgermeister einen Kalender, in dem unser Türkisch-deutsches Poesiefestival des Jahres 2012 veranschaulicht ist. Die Teilnahme von fünf Abgeordneten des Stadtparlamentes neben Herrn Demir belegte das Interesse an der Partnerschaft.
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Dr. Mustafa Demir betrachtet die Kalenderbilder vom Poesiefest 2012 in Fatih


Leider konnte mein Freund Dr. Ilhan Ilkilic am Empfang nicht teilnehmen. Er hatte keine Zeit. Ich entschloss mich ihn kurzfristig zusammen mit Mert, zwischen den beiden Fatih-Terminen, in seinem Büro in der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul zu besuchen. Diese Fakultät liegt im Stadtteil Capa, der an den Stadtteil Fatih anschließt. Ilhan arbeitet seit einem Jahr hier und fühlt sich sehr wohl. Er ist ein vielbeschäftigter Wissenschaftler, denn er lehrt nicht nur an der Medizinischen Fakultät, sondern hat zusätzlich noch Gastprofessuren in mehreren deutschen Städten und ist zudem Mitglied im Ethikbeirat der Bundesrepublik Deutschland.

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Besuch bei Dr. Dr. Ilhan Ilkilic an der Universität Istanbul im Stadtteil Capa.

Auch beim Abendessen, zu dem alle Teilnehmer eingeladen waren, wurde das Interesse an einer Vertiefung der Partnerschaft deutlich, denn es gab ausreichend Raum über Erwartungen und Aktivitäten zu diskutieren.
Da Senail anwesend war, nutzte ich die Gelegenheit, um seine neueste Übersetzung, Katarina Mommsens Buch „Goethe und der Islam“, mit seiner Widmung und einem Gruß der Dichterpflänzchen an Herrn Demir und an den Parlamentsabgeordneten Herrn Ceyhun zu überreichen. Ich freute mich sehr darüber, dass Senail Zeit gefunden hatte zum Abendessen zu kommen. Wir plauderten über seine Arbeiten (Übersetzung des Werthers, die geplante Übersetzung von Faust I und II, sein neuestes Buch über Totenkulte in den verschiedenen Kulturen) und über sein Interesse an Meister Eckhardt. Er bat mich Grüße an alle Dichterpflänzchen auszurichten, besonders aber an meinen Bruder Ralf. Gern würde er dessen Gedicht übersetzen und in einem türkischen Verlag veröffentlichen.
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Freunde der Dichterpflänzchen: Senail, Nilüfer, Selcuk, Mert

Am folgenden Tag wurde der 90. Gründungstag der Republik Türkei gefeiert. Wir erlebten einen interessanten Vortrag über die Veränderung der Stadt Istanbul während der letzten 100 Jahre. Die Führung begann morgens auf dem noch menschenleeren Taksim-Platz, es folgte eine anregende „Teevorlesung“ im Gezi-Park und dann noch ein informativer Ortstermin oberhalb des Maschka-Tals.

Nach der Mittagspause war Mert wieder an meiner Seite und wir entschlossen uns in die Istiklal-Straße zu gehen, um zu erleben, was sich in der Nähe des Taksim-Platzes jetzt, am Nachmittag, abspielt. Es waren nämlich einige Demonstrationen der Republikaner angekündigt. Und wirklich die „Istiklal“ war voller Menschen. Gruppen, ja ganze Züge Jugendlicher passierten hier und begegneten sich singend und rhythmisch klatschend. Es war eine ganz eigenartige Stimmung. Überall in den Seitenstraßen waren Polizisten postiert, Wasserwerfer und Polizeifahrzeuge standen in der Fußgängerzone. Zu direkten Ausschreitungen kam es jedoch hier nicht.
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Unterwegs in der Istiklal am 90. Nationalfeiertag

Nach einem Glas Tee auf der Dachterrasse eines Hotels an der „Istiklal“, mit herrlichem Ausblick auf die asiatischen Stadtteile und den Mädchenturm (Kiz Kulesi), setzten wir unseren Spaziergang fort. Wir passierten den Galataturm und stiegen die steilen Gassen zum Goldenen Horn hinab, um uns nach mehreren Stunden des Beisammensein am Hotel Golden City zu trennen; nicht ohne uns vorher für den nächsten Tag zu verabreden.

Am Mittwoch, dem Rückreisetag, war vormittags Freizeit eingeplant. Ein Bus sollte die Reisegruppe um 12:00h vom Hotel abholen und zum Flughafen bringen.
Bereits um 8.00 Uhr war Mert zur Stelle. Wir wollten unbedingt mit der Marmaray-Metro fahren, die am Tag zuvor, am Nationalfeiertag, von Ministerpräsident Erdogan eingeweiht wurde. Mit dem Taxi ging es schnell zur ersten Station auf europäischer Seite. Die Station Yenikape ist großzügig angelegt. In einer hohen Halle stehen Informationstafeln, die von der Ingenieurleistung berichten, und dekorativ angeordnet uralte Ausgrabungsfunde neben moderner Kunst.

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Eingangshalle der Station „Yenikapi“

Noch, es war gegen 9 uhr morgen, waren kaum Menschen unterwegs. Mert sagte scherzhaft zu mir: „Du bist wahrscheinlich der erste Tourist, der mit der Marmaray nach deren Einweihung fährt!“.
Wir nahmen den Zug mit spannender Erwartung auf die „Unterwasserfahrt“. Es war aber ganz unspektakulär und wir stiegen nach wenigen Minuten, als wären wir mit einer normalen U-Bahn gefahren, auf der asiatischen Seite des Bosporus in Üsküdar aus.
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Ein Hinweisschild „Ausgang“ sorgt für klare Verhältnisse

Mert wollte einen alten Schulfreund besuchen, der sein Büro erst vor einigen Monaten in der Nähe der Metrostation bezogen hatte. Halis Celebi war noch unterwegs und wir nutzen die Zeit für einen Bummel am Ufer des Bosporus. Mert zeigte mir ein kleine Moschee, die Mimar Sinan, der berühmte Baumeister im 16. Jahrhundert hier errichten ließ. Sinan erhielt den Auftrag zum Bau der Moschee mit der Vorgabe, sie so zu konstruieren, dass sie nicht durch Vogelsch... verdreckt werden kann.
Er wählte diese immer sehr windige Stelle und konstruierte das Bauwerk so, dass es keinen Windschatten bietet. Es ist also ein ungemütlicher Platz für Möwen und andere Vögel und das Gebäude bleibt sauber.
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Kleine Moschee, erbaut von Mimar Sinan im Jahr 1580

Inzwischen war es 10 Uhr und Halis empfing uns in seinem Büro. Merts Freund hatte 2011 an Übersetzungen für unser erstes Türkisch-deutsches Poesiefestival mitgewirkt. Die Freundschaft zu Mert geht auf das Jahr 1965 zurück, als sie beide die Schule in Konya besuchten. In dieser Zeit entstand auch die Verbindung zu Refik Cetinel, der uns für die Szenen mit Till Eulenspiegel und Nasreddin Hoca das wunderschöne Kostüm, vor allem den großartigen Turban, aus Konya besorgt hatte. Refik ist im vergangenen Jahr verstorben, leider habe ich ihn erst jetzt, durch das Jungenfoto im Klassenbuch seiner und meiner Freunde, kennengelernt.
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Refik Cetinel, er besortge für uns das Hoca-Kostüm zum Poesiefestival 2011

Halis wohnt in der Stadt Siler. Siler liegt etwa 60 Kilometer von Istanbul entfernt und ist schon seit vielen Jahren die Partnerstadt zu Idstein. Falls wir Veranstaltungen im Rahmen dieser Partnerschaft organisieren wollen, dann wird uns Halis gern helfen.


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Im Büro von Merts Freund Halis

Trotz der Warnung, die Mert telefonisch von seiner Tochter Ece erhielt, dass kurzfristig ein Stromproblem die Marmaray gestoppt hatte, fuhren wir wieder mit der Metro von Asien nach Europa und ich erreichte rechtzeitig den Bus zum Flughafen. Mert verabschiedete sich von der bereits zwischen den Koffern sitzenden Reisegesellschaft, von Dr. Tilemann und Dr. Jürgens und dann auch von mir. Wunderschöne Tage bei Freunden in Istanbul waren vorüber.